#01 - Ankommen und Einrichten → Südlicher Regen → Soaps

Mitten im Gang auf dem schwankenden Boden herum zu stehen und sich mit nur einer Hand an dem Türgriff zum Abteil hinter mir anzuklammern, war keine allzu gute Idee. Ich schaukelte hin und her wie ein Grashalm im Wind und kam mir nicht viel stabiler vor. Die andere Hand brauchte ich dringend für den kleinen Handkoffer, den ich auf den großen Rollenkoffer gestellt hatte, damit sein Gewicht meinen Arm nicht ermüdete. Ich war schon müde genug von der Fahrt, die kein Ende nehmen wollte. Seit der Zug Milano Centrale verlassen hatte, hing ein warmer Landregen in der Luft, dessen feiner Dunst jede Aussicht auf die Landschaft verwehrte. Die mich allerdings kaum hätte sonderlich aufheitern können. Meine trüben Gedanken würden auch ohne Regen einen zähen Vorhang von Düsternis und Traurigkeit um mich herum aufgespannt haben. Durch den erst Alessos Anblick wie ein ferner Hoffnungsschimmer zu mir vor drang, als wir endlich in den mir vertrauten Bahnhof einfuhren. Aus den vielen Menschen draußen auf der schmutzigen Plattform ragte sein Körper wie ein mächtiger Turm aus Stärke und Unbesiegbarkeit auf. Etwas, das ich jetzt sehr gut gebrauchen konnte.

Gleich der erste Blick auf den Mann, der mich direkt vor dem Waggon erwartete, belebte meine Kräfte deutlich. Ausnahmsweise schien der Zugführer den Wagenstandanzeiger heute einmal exakt beachtet zu haben. Oder Alesso hatte mich bereits von draußen erspäht. Wie auch immer, für mich zählte, daß ich ihn sah und sein Anblick mein Herz auf der Stelle in meiner Brust wild herum hüpfen ließ. Er war ein wenig dicker, als ich ihn in Erinnerung hatte. Ein Eindruck, der gut von seinem schweren Mantel her rühren mochte. Ein eleganter, dunkelblauer Paletot ohne jeden Tand, in dem er kriminell und gefährlich aussah. Seine Haare fielen ihm immer noch länger als üblich auf die Schultern herab, und seine Lippen zeigten sich groß und wohlwollend spöttisch. So hatte ich sie stets gekannt und gemocht. Vor allem aber versteckte sich in seinen dunklen Augen das gleiche Fordern und Versprechen wie damals, als mir beides viel wichtiger als manches andere erschienen war. Noch jetzt verspürte ich sofort wieder das Verlangen danach, das einzige und vornehmste Ziel seiner Gedanken zu sein. Denn er war in der Tat nun einmal ein Mann, den niemand einfach zur Seite schieben konnte. Und heute wartete er nur auf mich.

Vor mir rüttelte eine nervöse Frau mit schlecht blondierten Haaren und noch schlechter lackierten Fingernägeln hektisch an der Waggontür herum. Ihr für das Wetter sehr gewagter Rock zeigte zwei abgrundtief häßliche Beine her. An den Fersen ihrer bloßen Füße war die Hornhaut so rissig, als hätte sie die Hälfte der Fahrt barfuß zurück legen müssen. Erst im zweiten Anlauf öffnete sich die Tür unter ihren Anstrengungen. Sofort schlug uns der Lärm des Bahnsteigs entgegen. Mein Kopf wollte schier bersten davon. Auch dagegen war Alesso die richtige Medizin. Erst ließ er die Frau aussteigen, die wie eine Gottesanbeterin nach erfolgreicher Begattung auf ihren dürren Staken davon hastete. Wir guckten ihr beide kurz nach, als dächten wir das gleiche. Dann streckte er seine langen Arme nach mir aus, nahm mir den schweren Rollenkoffer aus der Hand, stellte ihn behutsam neben sich auf den Bahnsteig und hob mich anschließend samt des Handkoffers aus dem Waggon heraus. Wie eine Stoffpuppe ohne Gewicht und eigenen Willen. Um ein Haar hätte ich ihn deswegen auf der Stelle geküßt. Aber ich war viel zu verlegen. Vor ein paar Jahren hätte ich es sicherlich ohne Zögern getan, und er wäre derjenige gewesen, der Verlegenheit verspürt hätte.

Er war tatsächlich etwas fett geworden, sah ich aus der Nähe, aber Masse stand ihm gut. Und seine mir schon früher unendlich scheinende Kraft steckte zum Glück nach wie vor in ihm drin. Hatte vielleicht sogar noch etwas zugelegt. Deswegen störte es mich überhaupt nicht, daß er mir beinahe sämtliche Luft aus den Lungen heraus quetschte, als er mich als erstes nach dem Herausheben aus dem Zug heftig an sich preßte. Solche ewig dauernden Umklammerungen kannte ich von ihm. Auch daß er mich anschließend nahezu gewaltsam durch das belebte Bahnhofsgebäude nach draußen auf den Vorplatz hinunter schleifte, ging mir nicht gegen den Strich. Am liebsten hätte ich mich in einer der Taschen seines weichen und vom Regen leicht feuchten Mantels zusammen gerollt. Ich wollte daheim sein, gegen alle Vernunft. Dabei schaffte ich es kaum, meine Schritte mit den seinen in Einklang zu bringen. So daß wir ein reichlich komisches Paar abgeben mußten und einige Leute uns verwundert hinterher schauten. Das gefiel mir eigenartigerweise. Es fühlte sich auf einmal viel besser an, mich nicht auf Anhieb hier fugenlos einzupassen. Obwohl ich das alsbald tun würde. Und eigentlich auch wollte.

Die ersten Minuten sagte ich kaum ein Wort. Genoß nur still, mich in ein anderes Dasein hinein zu legen und auf die Stimmen der Menschen um mich her zu horchen. Unten vor dem Bahnhof stand Alessos Wagen schon für uns bereit. Wie immer rücksichtslos mitten im Weg geparkt, als gehörte ihm die Straße allein. Zwei Uniformierte saßen in einem schmutzigen Alfa direkt dahinter und ignorierten uns mit dem unnachahmlichen Hochmut der Carabinieri, die nur beim Schikanieren kleiner Leute zu Höchstform auflaufen. Vielleicht wollten sie sich aber auch bloß ihre Käppis nicht naß machen und sich lieber ihre neuesten Familiengeheimnisse verraten. Alesso winkte ihnen beiläufig zu und half mir beim Einsteigen. Seine Art zu fahren war schon immer großspurig gewesen, und heimlich hatte ich ihn dafür enorm bewundert. Meinen eigenen, manchmal etwas zu flott ausfallenden Fahrstil habe ich mit Sicherheit bei ihm abgeschaut. Dieses Jahr benutzte er ein dunkelblaues, schwedisches SUV mit hellbraunen Lederpolstern, in denen sich so bequem saß wie Gott in Frankreich. Und wem das langweilig wurde, der hätte gut und gerne auch darin spazieren gehen können. Ich versank lieber im Beifahrersitz und ließ mich vom Sicherheitsgurt auf der Erde festhalten. Neben Alesso zu sitzen kam mir unwirklich vor, da half der Druck des Gurtes quer über mein Brust.

Ich schaute ihm beim Fahren zu, schniefte ein wenig vor mich hin und schob das, als er sich besorgt erkundigte, auf mysteriöse Viren und die Frühjahrskälte und den widerlichen Nieselregen. Der verschmutzte gerade in einem fort die Windschutzscheibe vor mir, trotz aller Bemühungen der Scheibenwischer. Dennoch konnte ich aus dem Auto heraus viel mehr sehen als aus dem Zug. Langsam und wuchtig, ganz wie ein in die Jahre gekommener Mafiaboss, gondelte Alesso mit mir quer durch die Stadt. Auch wenn die Carabinieri mit ihren albernen Pistolen hinter uns her geschossen hätten, wären ihre Kugeln vermutlich wie Erbsen an den Wagenwänden abgeprallt. Ich hatte das Gefühl, er machte einen großen Umweg, hütete mich aber, dagegen zu protestieren. Vielleicht wollte er erreichen, daß ich mich langsam wieder eingewöhnte. Oder es machte ihm einfach Spaß, mit mir herumzufahren. Das hatten wir vor Jahren manchmal zusammen getan, damals allerdings in meinem Wagen und bei deutlich besserem Wetter. Ein paar von den Häuserzeilen erkannte ich wieder, und natürlich die Brücken über den vom Regen angeschwollenen Fluß. Aber vieles kam mir fremd und neu vor. Einmal hupte ein ehrgeiziger Taxifahrer uns an einer Ampel wild aus, weil wir ihm nicht schnell genug anfuhren. Alesso schaut nicht einmal hin. Erst auf der Landstraße nahm er mehr Fahrt auf. Ich hätte mich dabei gerne gegen seine Schulter gelehnt, aber sogar ich kann mich manchmal zurück halten.

Allmählich ließ der Regen nach und die Sonne sich sogar einige Male blicken. Hoffnungsvoll blinzelte sie hier und da durch zackige Risse in der Wolkendecke auf uns herunter. Allzu hell wurde es dadurch jedoch nicht. Ein dumpfes, feuchtes Dunkel klebte in allen Ecken und Winkeln, das in diese Landschaft so wenig hinein paßte wie der plötzliche Tod zu Fernanda. Ich wollte immer noch nicht glauben, daß er Wirklichkeit war. Manchmal schloß ich meine Augen, zählte bis zehn oder bis zwanzig und hoffte, ich würde, wenn ich sie wieder öffnete, aufwachen und wissen, daß ich mich nur in einem flüchtigen Alptraum verfangen hatte. Eine Übung, die ich oft anwende, wenn ich ein Unheil nicht aushalten zu können meine. Die aber leider nur äußerst selten funktioniert. Mehr Vertrauen sollte ich da in jemanden wie Alesso setzen. Daß ein kräftiger Mann wie er sämtliche Übel dieser Welt mit Links von mir fort halten kann, daran glaube ich so gewiß wie an das Amen in der Kirche. Jede Sekunde unserer Fahrt wartete ich deswegen heimlich auf seine erlösende Versicherung, die schlechten Nachrichten seien in Wahrheit nur ein schlechter Scherz. Und malte mir schon das anschließende, alles wieder gut machende Lachen aus seinem Mund aus. An dem meine Augen ein Zeit lang so bang hingen wie die eines furchtsamen Kindes, das sich voller Übermut einen Haufen düsterer Gefahren eingebildet hat und nun den Rückweg aus seinen Ängsten nicht mehr aus eigener Kraft findet.

Doch wir redeten nicht allzu viel miteinander. Ein dicker Kloß saß mir im Hals, und auch Alesso schien nach seinen ersten Sätzen alle Kraft für weitere zu fehlen. Fast unentwegt guckte er nach vorne, als würden dort jede Sekunde irgendwelche Hindernisse auftauchen. Kaum daß er Zeit fand, meine Blicke zu erwidern oder gar mich einmal mit seiner Hand zu berühren. Enttäuscht richtete ich meine Aufmerksamkeit daher immer mehr auf die Landschaft. Eine ganz eigene Tortur, zu der es keiner anderen Menschen und ihrer Schicksale bedarf. Wenn ich hierher komme, schneidet es mir jedes Mal quer durchs Herz. Deswegen komme ich am liebsten gar nicht her. Obwohl ich mich fast unentwegt danach sehne, hier zu sein. Wofür ich, um es doch einmal zu tun, sehr gute und objektive Gründe brauche. Einer ist, wenn jemand etwas richtig Schlimmes anstellt, wie es Fernanda diesmal geschafft hatte. Plötzlich spürte ich wieder die kindliche Empörung, die ich nicht mehr los wurde, seit ich von ihrem Tod gehört hatte. So, als wäre der nur auf mich gemünzt und enthielte eine geheime Botschaft für mich, die ich auf keinen Fall akzeptieren wollte, auch wenn ich sie nicht einmal richtig verstand. Ein dummer, selbstsüchtiger Gedanke, zu dem das Grau vor den Scheiben des Wagens paßte. Seine endlose Formlosigkeit kratzte an mir und nahm mir beinahe die Luft zum Atmen. Nur dem Land konnte es zum Glück nichts ausmachen.

Die Berge und Felder und Straßen und Gebäude sahen kaum anders aus als früher. Die Häuser wirkten, verglichen mit denen im Norden, nach wie vor erheblich roher und provisorischer auf mich. Vielleicht brauchten hier die Menschen Häuser weniger als den freien Platz dazwischen, überlegte ich nicht das erste Mal. Die modernen Autos dagegen schienen mir ganz und gar nicht hierher zu passen. Nichts als wuchtige, verschlossene Kampfwagen, in denen sich die Menschen ängstlich voreinander zu verstecken schienen, und die mit ihren wulstigen Karosserien eine Brutalität ausstrahlten, die dieser Landschaft nicht inne wohnte. Oder es zumindest niemals tun sollte, ginge es nach mir. Alle Dinge hier müßten leichter ausfallen, vom Licht des Tages umgeben und durchdrungen sein und vom ewigen Blau des Himmels in einer luftigen Balance gehalten werden. Eine kindlich naive Illusion. Natürlich weiß ich wie jede andere auch, daß es mehr als genug Dunkelheit hier herum gibt. Daß Menschen einander weh tun, so wie sich selbst. Aber das sollte niemals heimlich in der Nacht geschehen. Ich selbst hatte versucht, es geheim und im Dunklen zu halten, als ich einmal dabei nach Kräften mitgeholfen hatte, und das hatte sich als ein übler Fehler erwiesen. Weswegen ich nicht mehr hierher gehörte. Ich war schon vor langer Zeit wieder zu der Fremden geworden, die ich ein Leben lang zuvor gewesen war.

Auch die Straßenführung, der Alesso folgte, war neu für mich. Ebenso wie die meisten der Reklametafeln und Schilder am Straßenrand oder an den Hauswänden. Für einen Moment verlor ich alle Orientierung und atmete so laut und heftig wie eine defekte Luftpumpe kurz vor dem Kollaps. Alesso bekam das mit und legte wortlos seine Hand auf mein Bein. Eine vertraute Berührung, so anheimelnd wie der gelassen auf uns wartende See, den die Straße nun endlich erreicht hatte. Auf seiner Oberfläche sich spiegelnd machte mir sogar das graue Licht des trüben Regentages nichts aus. Für den Abend wäre eine Wetterbesserung angesagt, meinte Alesso, weil der Regen nach einer kurzen Pause gerade wieder eingesetzt hatte. Ich nickte und tat so, als wäre mir das willkommen. Was es vielleicht sogar war. Viel heftiger aber wünschte ich mir, daß wir auf der Stelle anhalten und er mich draußen eine Weile im Regen stehen lassen sollte, damit ich den Duft von Erde und Wasser einatmen und den Wind, der dazu gehörte, auf meinem Gesicht spüren konnte. Diese Welt sollte aufs Neue in mich eindringen, so tief sie es nur vermochte. Vielleicht vermochte das meine untergründige Angst vor ihr und den nächsten Tagen lindern.

Erst nachdem wir schon ein paar Kilometer auf der Uferstraße zurück gelegt hatten, fand ich den Mut, Alesso zu bitten, rechts heran zu fahren und einen kurzen Halt einzulegen. Leider erwischte ich nicht genau den Platz, der mir vorschwebte. Schlecht war er aber auch nicht. Der Regen hatte nachgelassen und ein paar freche Sonnenstrahlen glitzerten hier und da auf der riesigen Wasserfläche. Was aussah, als winkten sie vertraulich zu mir hoch. Taten sie natürlich nicht, ich wollte das nur gerne denken. Übereifrig kletterte ich aus dem Wagen heraus und rutschte sofort mit einem lauten Aufschrei und auf allen Vieren in den Straßengraben hinunter. Der Wagen stand so schräg neben der Straße, als hätte er mich bösartig hinaus werfen wollen. Ich kämpfte mich wütend aus dem feuchten Graben wieder hervor und rannte dann quer über den glitschigen Asphalt zur Seeseite der Straße hinüber. Von wo ich endlich gänzlich ungehindert auf das Wasser hinaus sehen konnte. Mir wurde sofort leicht. Es beruhigt mich zutiefst, wenn ein vertrauter Anblick sich nicht ändert. Wenn die Konturen der Welt bleiben wie sie immer waren und höchstens nur kleinste Details sich sanft verschieben. Wie es im Leben der Menschen sein sollte, dachte ich dumpf, nur leider niemals war. Diesem Blick hier fehlte kaum etwas von dem, was ich mir mit der sturen Beharrlichkeit der unerfüllten Sehnsucht immer wieder aufs neue von ihm erhoffte. Sicher, Fernanda war jetzt nicht mehr darin enthalten, aber das fühlte ich noch lange nicht richtig. Alles andere aber gab es nach wie vor. So wie es mich gab. Und Alesso natürlich.

Er kam langsam zu mir her geschlendert und legte seinen Arm erneut um meine Schultern. Wie ein altes Ehepaar guckten wir anschließend schweigend in die Welt hinaus. Auf einmal spürte ich, daß er zu weinen begonnen hatte. Ich staunte nicht schlecht. Männer weinen, Frauen weinen, Kinder weinen, ich weine, sicherlich. Aber daß Alesso es einfach so tat, daß in diesem Augenblick zwei oder drei dicke Tränen über seine Wangen hinab flossen, kam mir ungeheuerlich vor. Insbesondere, weil ich es ihm nicht gleich tun konnte. Weinen kann immer nur einer, davon bin ich fest überzeugt, und da er vorgelegt hatte, mußte ich mich diesmal bescheiden und verzichten. Claudio käme nicht, sagte er nach ein paar Minuten. Ich nickte. Ich hatte das bereits gewußt, es ihm aber nicht sogleich sagen können. Also hatte der Feigling es Alesso wenigstens selbst mitgeteilt, dachte ich erleichtert. Daß auch ich beinahe nicht gekommen wäre, verschwieg ich lieber. Ich kam mir auch so schon reichlich schäbig vor, weil ich die offizielle Beerdigung verpaßt hatte. Gerade wollte ich heuchlerisch sagen, daß es Fernanda vielleicht gar nicht recht gewesen wäre, Claudio hier zu haben. Aber bevor ich den Mund aufmachen konnte, wurde mit bewußt, daß das eine viel zu abgeschmackte Vermutung wäre, um sie ausgerechnet Alesso gegenüber zu äußern. Laß uns weiterfahren, bat ich ihn statt dessen. Obwohl ich noch für tausend weitere Jahre hier hätte stehen und auf den See hinaus schauen mögen.

Er half mir, meine schmutzigen Hände zu säubern und die leicht verdreckte Kleidung abzuklopfen, bevor ich wieder in sein tadelloses Auto einsteigen durfte. Was ich alles gut selbst geschafft hätte, aber es schien mir angebracht, mir von ihm helfen zu lassen. Auch ihm tat das gut. Es waren fürsorgliche und sehr intime Berührungen, die er mit kaum sichtbaren Anzeichen der Verlegenheit sich gestattete. Mag sein, er schämte sich seiner Tränen, obwohl mich das gewundert hätte. Viel wahrscheinlicher war, daß er seine Polster vor dem Dreck aus dem Straßengraben schützen wollte. Eine Aura von Sauberkeit und Anständigkeit umgab Alesso, die mir neu war und erst in diesem Augenblick zu Bewußtsein kam. Ich war mir nicht sicher, ob sie mir gefiel. Aber neugierig, was sie zu bedeuten hatte, war ich auf jeden Fall.

Alesso bewohnte seit zwei Jahren, wie er mir mit heimlichem Stolz verriet, ein hypermodernes Haus mit allen Schikanen. Im Süden des Dorfes und auf halber Höhe den Hang hinauf gelegen, war es mir noch gänzlich unbekannt. Als ich das letzte Mal in dieser Gegend war, hatte er mich nicht sehen wollen oder ich ihn nicht. Genau erinnerte ich mich nicht mehr. Vermutlich hatte es lediglich zu wenig gute Gründe für ein Treffen gegeben. Wenigstens das hatte Fernanda nun mit einem Schlag erfolgreich geändert. Daß auch ich jemals so etwas schaffen würde, schien mir fraglich. Ich kam mir viel zu klein und zu schwach vor. Fernanda hatte immer schon Einfluß genommen, auf mich wie auf jeden anderen von uns. Ob nun aktiv und durch ihre Gegenwart oder, wie jetzt am Ende, aus sehr, sehr weiter Ferne, spielte dabei keine Rolle. Sie schien dennoch nah und vertraut zu sein. Nur fühlte es sich fremd an, daß es keinen Ort mehr gab, an dem ich sie mir vorstellen konnte. Wie auch der Ort, an dem Alesso sein schickes Haus errichtet hatte, mir ungewohnt vorkam. Er war allerdings ausgesprochen klug ausgesucht. Alesso war halt ein kluger Mann. Lauter kluge Männer umgaben mich, dachte ich grundlos bitter vor mich hin, als der schwere Wagen sich wie eine Zahnradbahn auf knirschenden Reifen langsam einen in mehreren Serpentinen steil aufwärts führenden Weg empor arbeitete. Meine Dummheit mochte solche Männer anziehen. Gelegenheit macht Diebe. Aber vermutlich mochten sie wohl eher meine Haare und meine Augen.

Aus denen ich am Ende unserer Kletterpartie beinahe ungehindert nach Norden wie nach Süden blickte, während der Wagen oberhalb des Hauses vor einem metallenen Tor warten mußte. Es glitt mit einer aufreizenden Langsamkeit zur Seite, als hätte es etwas dagegen, uns herein zu lassen. Der Weg endete auf einen gepflasterten Platz vor einer sich über die gesamte Länge des Hauses erstreckenden, offenen Überdachung. Gerade geräumig genug, daß eine kleine Kavalkade schwarzer Limousinen hier parken konnte, falls Alesso einmal wichtigen Besuch von wichtigen Leuten bekäme. Von hier aus konnte ich nach beiden Richtungen das Ufer entlang schauen. Um dieses Luxuspanorama auch dem Blick gen Westen hin zu gönnen, gab es auf der anderen Seite des Hauses eine lange Terrasse von fast der Breite eines Tennisplatzes. Mehr als ein halbes dutzend aufeinander eifersüchtiger Diktatoren würde von hier aus jede Parade der Welt abnehmen können, ohne sich dabei zu sehr ins Gehege zu kommen. Kaum daß wir das Haus durch eine solide, zweiflügelige Holztür betreten hatten, rannte ich schon auf die Terrasse hinaus und überprüfte als erstes diese Aussicht. Obwohl der Hang hier nicht stark abfiel, hatte ich den Eindruck, ich könnte von dort oben mit etwas Anlauf direkt in den See hinein springen. Ich hielt mich deswegen lieber gut am Geländer fest, weil ich manchmal dazu neige, solche Dummheiten auf der Stelle auszuprobieren. Die Luft um mich war immer noch enorm feucht. Wie nach einer übertrieben ausgiebigen Dusche in einem zu engen Badezimmer stand ich heftig atmend an der Brüstung und hatte haufenweise Wasserperlen im Gesicht. Fast ein wenig schwindelig. Ziemlich hektisch und seltsam aufgeregt versuchte ich rasch, genug frische und kühle Luft einzuatmen, um hier nicht vor Begeisterung und noch ein paar anderer, weniger feiner Gefühle in ein Meer von kitschigen Tränen auszubrechen. Was mit allerdings ähnlich gesehen hätte.

Gegen Regen oder Sonne oder auch die Blicke neugieriger Nachbarn ließ sich eine Hälfte der Terrasse mit einem rot und weiß gestreiften Stoffdach abdecken. An stählernen Schienen bewegte es sich mit Motorkraft vorwärts. Ich schnappte mir die neben der Tür an der Wand hängende Fernbedienung und fuhr es gleich einmal ein Stück weit aus. Ich liebe solchen Schnickschnack, der jeden Luxus überhaupt erst angenehm und aushaltbar macht. Mit einem bösartigen Summen krochen die Stoffbahnen gemächlich über mich hinweg. Mir war, als schlössen sich die Kiefer eines riesigen Raubtieres um mich. Offenbar liebte Alesso es, derart beschützt zu werden. Absicherung war überhaupt sehr angesagt hier. Ein hoher Metalldrahtzaun umgab lückenlos das gesamte Grundstück. Er schien hoch genug, daß niemand einfach darüber hinweg klettern könnte. Mich hätte es kaum gewundert, wenn er unter Strom gestanden und es auf seiner ganzen Länge einen Trampelpfad für Wachen mit Hunden gegeben hätte. Die Angst der Leute in der Sonne vor dem dunklen Draußen kann seltsame Formen annehmen. Und selbst ein intelligenter Mensch wie Alesso war nicht davor gefeit, sich gegen alle Vernunft hinter der Illusion eines undurchdringlichen Walls verschanzen zu wollen. Ob er Fort Knox mit seinen Goldvorräten ausgeplündert habe, fragte ich Alesso und wies auf den Zaun. Er grinste nur schwach.

Wenigstens schaffte ich es nun endlich doch, mich bei ihm anzulehnen. Er hatte sich neben mich gestellt, schaute aber statt zum See auf sein Haus zurück. Ich schlich millimeterweise zu ihm hinüber, machte mich klein und drückte mich vorsichtig gegen ihn. Er wies mich nicht ab. Dann schraubte ich mich an seinem Leib hoch und drehte mich dabei, bis mein Rücken sicher und fest auf seiner Brust verankert war. Und wartete endlich still ab, bis er seine Arme ausbreitete und um mich herum legte wie ein Bär, der seine Beute ersticken will. Mir wäre es nur Recht gewesen. Ich schloß meine Augen, aber Alesso stupste mich unter das Kinn, damit ich meinen Kopf hob und mir anschaute, wie er wohnte. Natürlich war er stolz wie ein kleiner Junge darauf und wollte damit angeben. Meine Frage vorhin hatte ihn vielleicht geärgert. Obwohl er gerne auf mich herunter sah und von meinem Verstand nicht allzu viel hielt, hatte er meinen Geschmack immer geschätzt. Und daß ich sein Haus implizit mit einem zu Stein gewordenen Tresor verglich, war nichts, das er auf sich sitzen lassen wollte. Und auch nicht mußte.

Zumindest das Gebäude selbst zeigte noch Spuren jener Leichtigkeit der Häuser aus einer Zeit, als sich deren Zweck noch nicht darin erschöpft hatte, den Reichtum ihrer Besitzer ängstlich in sich zu bergen und vor dem Zugriff fremder Menschen zu verstecken. Es bestand im Wesentlichen aus zwei mit ihren Längsseiten einander zugewandten, doppelstöckigen Kästen, die in einer Linie parallel zum Hang in diesen hinein gebaut waren. Zum See hin zeigte es eine mehr als üppige Verglasung. Das restliche Mauerwerk war blendend hell geweißt. Verbunden wurden die beiden Kästen durch einen flacheren Wintergarten. Alles das sah mit Verstand geplant und eingerichtet aus. Und trotzdem ahnte ich dahinter eine unterschwellige Angst vor der Zukunft. Was mir gar nicht gefiel, weil es sofort auch an meinen Ängsten rührte. Da, wo Schutz zu deutlich zu sehen ist, erscheint er mir stets schwach. Wozu all diese wehrhafte Technik, fragte ich mich. Hatten nicht auch die alten und viel zarteren Häuser die Menschen lange Zeit hinweg hinreichend gut beherbergt und dennoch nicht jeden Windhauch und Sonnenstrahl dazu aussperren müssen? Warum auf einmal jedermann, der auch nur ein wenig mehr Besitz und Macht als die Mehrheit seiner Zeitgenossen sein eigen nannte, sich im Inneren eines Hochsicherheitstraktes verkriechen mußte, kam mir unheimlich vor. Aber gegen ein trockenes und warmes Badezimmer hatte natürlich auch ich nichts einzuwenden.

So eines schloß sich direkt an mein Zimmer an, in das Alesso mich hinauf führte, nachdem es wieder zu regnen begonnen hatte. Es lag im ersten Stock des von der Terrasse aus gesehen linken Flügels und besaß neben der großen Fensterfront seewärts noch ein zusätzliches, deutlich kleineres Fenster nach Norden hin. Ich guckte sofort eifrig den Hang entlang in Richtung Dorf. Aber die Sicht war heute zu schlecht. Durch den Regen konnte ich gar nichts erkennen und schämte mich meiner Neugier, die ich lieber auf das Innere des Hauses konzentrieren sollte. Allein schon, um meinem Gastgeber jene Freude zu machen, die dann auch mir Freude machen würde. Begann ich also mit der Examinierung der Zimmereinrichtung, entschied ich mich. Vor den Fenstern stand ein breites Bett mit einer lustig gestreiften Decke und darauf verteilt einem halben dutzend dicker, einladend weich aussehender Kissen. Ich schlüpfte mit einem begeisterten Aufschrei aus meinen vom Sturz in den Straßengraben verdreckten Schuhen und Hosen und probierte sogleich ein paar Hopser auf der Matratze aus, während Alesso unter der Tür wartete und mir dabei zuschaute. Er lachte leise über mich. Ich auch. Unser Lachen war sicherlich nicht so froh, wie wir es gerne gehabt hätten. Aber es war kaum zu überhören, daß wir beide mächtig daran arbeiteten, es immer mehr aufzupolieren. Vorerst mißlang uns das allerdings noch gründlich. Also verschwand Alesso nach einer Weile wortlos in den Tiefen seines Hauses, um mir Gelegenheit zu geben, mich in Ruhe einzurichten. Er ist kein Mann, der es mag, wenn er an einer Aufgabe versagt.

Unter dem Nordfenster lud ein runder Sessel mit einem ebenso runden, doppelstöckigen Tisch daneben zum Lesen ein. Ich deponierte umgehend das aktuelle Buch, zwei frische Packungen Papiertaschentücher und die Zigaretten samt Feuerzeug darauf. Alesso hatte vorausschauend für einen Aschenbecher und eine große Schachtel Streichhölzer gesorgt. Diese zeigte ein Bild des Kastells aus dem Dorf, auf dem auch ein Stück vom Hafen zu sehen war. Die Hölzer waren die winzigen, wächsernen Dinger, die so leicht zu zerknicken waren wie die dünnen Stengel von Gänseblümchen und an den Fingern immer einen klebrigen Rückstand hinterließen, der nach Weihnachten roch. Der Aschenbecher war wesentlich solider und bestand aus rötlichem, dickem Glas aus Murano, das sich fast weich anfasste. Geformt wie eine stark gekrümmte Muschel mit zwei passenden Einkerbungen, um dort deine brennende Zigarette abzulegen und die Hände frei zu bekommen. Dennoch vermutete ich, daß er es eigentlich lieber gesehen hätte, wenn ich nicht im Hause rauchte. Neben dem Raumklima warf er damit bestimmt zugleich ein wachsames Auge auf meine Gesundheit.

Die jetzt dringend danach verlangte, mich unter eine warme Dusche zu stellen und die muffigen Klamotten, die immer noch nach Zug rochen, los zu werden. Den Inhalt meiner Koffer konnte ich problemlos in einem schmalen Schrank und einer zu ihm passenden Kommode mit drei breiten Schubladen unterbringen. Es waren einfache, in den Proportionen sehr gelungene Möbelstücke aus hellem, weichem Holz. Dessen ruhige Maserung fuhr ich eine Weile mit dem Finger nach. Mein Puls schien sich dabei zu beruhigen. Der Farbton des cremig gefliesten Bodens half zusätzlich, den Eindruck von Wärme und Behaglichkeit vorzutäuschen. Einen sichtbaren Heizkörper konnte ich nicht entdecken, weswegen ich annahm, die Unsitte der Fußbodenheizung habe inzwischen auch hier Einzug gehalten. Trotz ihres in meinen Augen abstoßend technischen Äußeren verbreiteten die vier an schimmernden Drähten von der Decke herab hängenden Niedervoltlampen ein überraschend wohltuendes und schmeichelhaftes Licht im ganzen Raum. Und neben dem Lesesessel drohte eine deutlich in die Jahre gekommene Stehlampe mit einem reichlich zerfledderten Schirm aus Rohseide damit, jeden Moment umzufallen. Ich erkannte sie erst nicht, da ich nun wirklich nicht damit gerechnet hatte, daß es sie noch gab. Als ich sie dann irgendwann beim Herumkramen bewußt wahrnahm, setzte ich mich erst einmal aufs Bett, weil mir die Knie weich wurden.

Ich hänge an sich nicht sehr an Sachen. Ich habe schon zu viele Dinge kommen und gehen sehen und oft gespürt, welches Unheil es anrichten kann, wenn du zu wild darauf bist, irgendwelche Gegenstände behalten zu wollen. Dennoch traf es mich beinahe so heftig wie ein Faustschlag, daß hier plötzlich diese Lampe stand, die mir in einer anderen Zeit und einem anderen Haus einmal tapfer ihr nie ausreichendes Licht gespendet hatte. Ein paar nicht nur schöne Gefühle aus kalten, einsamen Nächten kamen sofort wieder hoch in mir. Zorn und Ärger und Müdigkeit und Angst und Verzweiflung und halt all das, was ein Leben spannend macht, wenn du es dir hinterher in aller Ruhe anschauen kannst. Natürlich, weil ich das jetzt so wollte und weil es zu diesem Tag heute paßte. Wenn auch nicht richtig zu diesem modernen Zimmer. Ich war aber nun einmal hier und konnte weder sofort wieder weglaufen noch mich irgendwo verstecken. Was ich gerne getan hätte. Meine Nase feige tiefer und tiefer in den Schlamm zu stecken war mir schon immer unendlich verführerischer vorgekommen als sie mutig hoch in die Luft zu recken. Heute sollte das anders sein, ermahnte ich mich. Also erhob ich mich nach ein paar Sekunden vom Bett, fingerte mir hastig eine Zigarette aus der halbleeren Schachtel, setzte mich elegant in den Lesesessel und rauchte wie eine Schülerin mit Liebeskummer hemmungslos drauf los.

Das roch gut, das tat gut, war aber sehr dumm, weil es mich auf der Stelle zu einem Fremdkörper in diesem Haus machte. Alles hier war sauber, durch und durch sauber. Nicht steril, dazu hatte Alesso zu viel Geschmack und jenseits seiner Muskeln und Fettschichten ein zu weiches Gemüt. Aber die Atmosphäre des Hauses verströmte eine Reinheit, in die der Rauch meiner Zigarette absolut nicht hinein paßte. Ich drückte sie schnell wieder aus und spülte die Asche samt des Filters in der Toilette herunter. Während ich mir die Hände wusch, fiel mein Blick in den Spiegel über dem ausladenden Waschbecken. Der kannte kein Erbarmen. Ich erschrak, wie verquollen meine Augen aussahen und wie spröde und durchsichtig meine Haut wirkte. Irgendeine Allergie oder was auch immer hatte mich in den Klauen, sagte ich mir, bevor mir andere Gründe in den Sinn kämen. Oder das Alter, das seine stählernen Finger auch nach mir ausstreckte. Nicht erst seit heute, nicht erst seit gestern, sondern vom ersten Tag meines Lebens an. Fast automatisch zog ich mich aus und stellte mich unter die Dusche. Dort konnte ich ungestört heulen, wonach mir schon den ganzen Tag über zumute war. Das warme Wasser wusch mitsamt dem Dreck und dem Schweiß von der Reise auch gleich alle Sünden und Ängste von mir ab. Zumindest erschien es mir so. Und nur darauf kommt es schließlich an.

Ich zog mir ein Paar Shorts und einen fröhlich gemusterten Pulli über und schlüpfte in ein Paar dunkelblauer Leinenturnschuhe. Das sah aus, wie ich gerne aussehen wollte. Danach verließ ich den Umständen entsprechend äußerst unternehmungslustig mein Zimmer. Trotz der anfänglichen Verwirrung, die mich stets in einer neuen Umgebung überfällt, fand ich mich im Haus schnell zurecht. Vom Grundriß her war es absolut symmetrisch konstruiert, wie ich bereits von außen hatte erkennen können. Vor der Tür meines Zimmer führte ein schmales Treppenhaus mittels dicker, breiter Holzstufen auf zwei schlanken Metallstreben ins Erdgeschoß hinunter. Diese Konstruktion ergab beim Betreten ein dumpfes und wunderbar solide klingendes Geräusch. Passiv beleuchtet wurde das Treppenhaus von zwei senkrechten Fensterschlitzen, die allerdings nach hinten zum Berg hinaus gingen. Viel Licht würde also selten herein fallen, auch an sonnigen Tagen nicht. Deswegen waren oben in die Decke zwei Reihen Lampen eingelassen, die tagsüber permanent brannten. Was vom Beleuchtungseffekt her den etwas leblosen und heftig überbelichteten Eindruck eines Museums oder einer Galerie ergab.

Der Tür meines Zimmers direkt gegenüber führte eine kaum breitere Tür in Alessos Räume. Ich klopfte an, wartete und öffnete sie dann einen Spalt, weil er nicht antwortete. Das würde mir einen Tadel einbringen, wußte ich, aber meine Neugier war stärker. Vor mir lag ein großes Eckzimmer, von dem aus ich auf den Wintergarten und zum See hinunter blicken konnte. Auch hinter seinem Zimmer gab es ein eigenes Bad. Zumindest für die körperliche Hygiene war also mehr als reichlich gesorgt. Im anderen Teil des Hauses würde es ähnlich aussehen, nur beherbergte das Eckzimmer dort Alessos Partner Steve. Um vom einen in den anderen Flügel zu gelangen, hatte man brav ins Erdgeschoß hinunter zu steigen und durch den Wintergarten zu laufen. Keine schlechte Idee, fand ich. Menschen, die in einem Haus aufeinander hocken, brauchen Distanz. Ein paar Fußfallen und spanische Reiter als Grenzbefestigungen hätten mich ebenfalls kaum überrascht. Der aufwendige Weg zwischen den beiden Parteien des Hauses mochte jedoch genügen. Auf jeden Fall kannte Alesso sich anscheinend bestens damit aus, wie wir einander das Leben zur Hölle machen können, werden wir nicht handgreiflich daran gehindert.

Unten gab es dagegen keine richtige Trennung in einzelne Zimmer. Mit Ausnahme des abgeteilten Bereichs für die Wirtschaftsräume nach hinten hinaus, natürlich. Diese bestanden aus einem Bad und zwei Toiletten und einer schmalen, länglichen Küche mit den üblichen, teuer aussehenden Gerätschaften in Chrom und Holz. Sowie einer Waschküche mit anschließendem Trockenraum, der gleichzeitig noch als Abstellkammer diente. Davor führte eine recht bequem anmutende Steintreppe zum Garten unterhalb des Hauses und dem vermutlich in den Fels getriebenen Keller. Dessen Erkundung ich mir für einen anderen Zeitpunkt aufsparte, denn es gab auch so genug zu sehen. Ich lief ziemlich planlos ein wenig herum, während Alesso stumm an einer Art Eßtisch saß und auf ein weißliches Laptop einhämmerte. Manchmal guckte er zu mir herüber und ich zeigte ihm meine Beine und mein tapferstes Lächeln und er war es zufrieden. Seltsamerweise fühlte ich mich dabei immer jünger und leichter. Mit gefiel der Luxus hier, gestand ich mir ein. Und der Schutz, den die Umgebung und der Mann am Tisch mir boten. Für immer hier zu bleiben, mit flinken Füßen täglich treppauf und treppab zu laufen, im Garten unten emsig Hand anzulegen und vielleicht sogar in der eleganten Küche brav den Anweisungen eines Kochbuches Folge zu leisten, damit etwaige Gäste meine Künste mit Schmeicheleien überschütten konnten, kam mir in diesen Minuten ungeheuerlich verlockend vor. Nur daß ein paar nackte Beine und ein naives Lächeln dazu wohl nicht ausreichen würden, wußte ich.

Die vorderen Bereiche des Hauses bildeten zusammen mit dem Wintergarten einen offenen, weiten Raum, der als Zugeständnis an die Statik neben den Treppenaufgängen zum ersten Stock lediglich ein paar dünne Stahlpfeiler aufwies. Er war insgesamt eher spärlich möbliert, wirkte aber trotz seiner Schmucklosigkeit keineswegs kalt. Es gab den Eßtisch, an dem nicht nur ein Mann mit Laptop, sondern gut und gerne ein dutzend Menschen Platz finden konnten, und neben der Tür zur Küche einen mächtigen Geschirrschrank, wie sie in den kühlen Küchen der alten Häuser hier herum oft zu finden sind. Ein paar bequeme Sessel und Sofas standen um niedrige Tische herum, und an den wenigen freien Wänden lehnte leicht verloren das eine oder andere Bücherregal. Verspieltere Details gab es kaum. Zwei riesige Bilder in Schwarzweiß hingen nebeneinander über einer Reihe niedriger Schränke an der Südwand. Ein gestochen scharfes Foto einer alten Frau, die heftig an einer bestens eingeraucht wirkenden Bruyèrepfeife mit achteckig gearbeitetem Kopf zog. Jede Runzel und Falte in ihrem Gesicht war deutlich zu sehen, wie auch die Lücken zwischen den dunklen Zähnen, die auf einem auch ohne Farbe bräunlich erscheinenden Mundstück herum kauten. Sie schaute mißtrauisch auf die dünnen Rauchfahnen, die aus dem Pfeifenkopf aufstiegen. Das besaß eine Intensität, welche den Betrachter fast schon den Tabak riechen ließ. Ich tippte auf zu viel Latakia und Speichel. Das andere war die um vielleicht eine halbe Blende unterbelichtete Aufnahme der stählernen Fachwerkkonstruktion einer Eisenbahnbrücke in den Bergen, vor der breitbeinig ein stolzer Mann im hellen Sonnenlicht stand. Ich dachte sofort, er würde sich bestimmt gerade überlegen, wie die Brücke zu sprengen sei, so grimmig schaute er drein. Beide Personen kannte ich nicht. Vermutlich waren sie schon lange tot. Mich gingen sie ohnehin nichts an.

Den Hintergrund des Wintergartens bildete ein mächtiger Kamin aus rohen Steinen. Schwärzliche Spuren von Rauch und Feuer knabberten an seiner Makellosigkeit. Das sah einladend aus und ich hoffte sofort, mich dort an einem der nächsten Tage vor ein Feuer setzen zu können. Ein paar dicke Kissen lagen herum, die sicherlich sehr gut dabei helfen würden, sich malerisch und exakt nach Vorschrift vor prasselnde Holzscheite hinzulegen und mondän auszuschauen. Etwas, wonach der Fußboden fast überall einlud. In den seitlichen Flügeln wurde er beherrscht von dicken, meistens hellen Berberteppichen, die auf abwechselnd dunkel und hellgrau getönten Fliesen lagen. Man hatte diese in einem gegen die Frontachse des Hauses um 45° gedrehten Schachbrettmuster verlegt, was auf mich etwas unruhig wirkte und dessen technische Ausführung ich mir äußerst schwierig vorstellte. Ich guckte daher genau nach. Das Muster kam tatsächlich an allen Wänden und den Türausschnitten exakt hin. Architekten und Handwerker mußte das beim Planen und Verlegen zur schieren Verzweiflung gebracht haben. Der eigentliche Wintergarten wartete als Kontrast dazu mit einem Steinboden in warmem Terracotta auf. Er sah auf den ersten Blick eigenartig uneben aus, war es aber nicht wirklich. Das mochte am diffusen Licht liegen, das von vielen überall versteckten Lampen erzeugt wurde und keine klaren Schatten warf. Alles wirkte auf jeden Fall enorm großzügig und elegant. Und trotz mancher mich nicht so sehr ansprechender Dinge wie dem schwarzen, massigen Turm einer Musikanlage mit einem angeberischen Fernseher oben drauf kam es mir doch auf eine Weise spielerisch vor, die ich nicht unbedingt in Alessos Persönlichkeit vermutet hätte. Vielleicht, sagte ich mir, war das seinem Freund geschuldet.

An den Gedanken, daß Alesso mit einem Mann zusammen lebte, konnte ich mich nach wie vor nur schwer gewöhnen. Zur Zeit weilte dieser in Kanada, woher er stammte, und würde erst am nächsten Tag zurück kehren. Ich hätte gerne jetzt schon mehr über ihn erfahren, doch in den ersten Stunden nach meiner Ankunft verlief alles viel zu hektisch, um Alesso in Ruhe nach Steve ausfragen zu können. Noch während ich im Haus umher spazierte, um mich zu orientieren, kamen Dario und seine auf ewig namenlose Schwester und brachten die Speisen und Getränke für das Wochenende. Dario guckte dabei mit lautem Getue nach mir. Ich schaute etwas leiser zurück. Wir machten auch so noch genug Lärm um unser Wiedersehen und waren anschließend alle heimlich froh, daß der enge Zeitplan seines Tagewerks uns kein allzu langes Gespräch erlaubte. Dario war entsetzlich hager geworden, seit er das alte Albergo seiner Eltern unten vor dem Dorf geerbt hatte. Ich nahm an, die Anstrengungen, es durch die Jahre hindurch immer wieder neu vor drohenden Konkursen und notwendigen Modernisierungen zu retten, nagten an ihm. Früher hatte ich manchmal damit gerechnet, er würde sich eines Tages mit einer Schrotflinte wie Peppone neben der Straße auf die Lauer legen und jeden Fremden erschießen, dessen er ansichtig wurde. Heute sah er aus, als kämpfte er nur noch mit seinen Magengeschwüren statt mit den modernen Zeiten.

Kaum waren beide gegangen, erschien ein Mann im dunklen Anzug und mit einem so traurigen Gesicht, als wäre Fernandas Beerdigung nicht schon vor zwei Wochen gewesen, sondern stünde unmittelbar bevor. Ein Rechtsanwalt, den ich nicht kannte und auf den ersten Blick nicht leiden konnte. Alesso versuchte, zwischen mir und dem ob meiner Ablehnung sehr steif wirkenden Anwalt zu dolmetschen, denn der sprach nur ein grauenhaftes und kaum verständliches Englisch und nicht ein einziges Wort Deutsch. Ich konnte mich absolut nicht auf das konzentrieren, was er mir sagen wollte, und mit seinem umständlichen Getue ging er mir gewaltig gegen den Strich. Es machte mir daher einen Heidenspaß, alles, was er sagte oder fragte, erst einmal misszuverstehen oder mit langatmigen Verdrehungen zu beantworten. Wenn es etwas gibt, das Juristen auf den Tod hassen, dann ist es, sich mit der ihnen eigenen Geschwätzigkeit, die sie für Eloquenz halten, konfrontiert zu sehen, ohne sich ihr entziehen zu können.

Irgendwann übergab er mir schließlich stumm und sichtlich über meine Unsachlichkeiten verärgert einen Schlüsselbund und einen Briefumschlag, wofür ich ihm gnädig eine Quittung unterschrieb. Diese Transaktion machte mich zur Besitzerin eines handlichen Kartons, in den ich, kaum daß er aus der Tür war, hinein schaute. Natürlich waren es lauter Fotos. Und jedes einzelne von ihnen tat mir in der Seele weh. Trotzdem guckte ich sie mir alle nacheinander an. Ich liebe das Unglück. Es scheint mir wichtig, es zu lieben. So kann ich es zwar nicht besiegen, aber wenigstens mit ihm auskommen. Alesso ließ mich klugerweise in Ruhe, während ich mich durch den Haufen von zumeist schwarz-weißen Abzügen hindurch wühlte. Fernanda schien tatsächlich fast alles fotografiert zu haben, woran ich mich auch nur entfernt erinnern konnte. Wie gemein von ihr, dachte ich sofort. Weil auf Papier gebannt vieles ganz anders aussah, als es sich in meinem Kopf anschaute. Das machte mich noch wehmütiger, als ich ohnehin schon war, was sich allerdings nicht nur schlecht anfühlte. Wehmut war mir schon immer die liebste Form des Mutes.

Ich mußte also insgesamt ziemlich niedergeschlagen ausgesehen haben, denn Alesso kam etwas später und unaufgefordert mit einer Flasche Rotwein samt zweier Gläser und einem sanften Lächeln zu mir und setzte sich bedächtig wie ein altmodischer Hausarzt neben mich. Recht großzügig goß er uns ein, ließ seinen Wein eine Weile kreisen, als verstünde er etwas davon, und beobachtete mich durch sein Glas hindurch. Ich wußte sofort, daß er mir jetzt sagen wollte, was ich zu tun habe. Und daß ich genau das hören und vor allem dann auch tun wollte. „Morgen früh kommt Mauro,“ begann er ohne viel Umstände. „Mauro?“ wunderte ich mich nur leicht. Er nickte. „Er will das Haus kaufen. Claudio hat schon zugestimmt.“ Ich lachte. Nicht, weil der Vorschlag komisch oder im geringsten dumm war, sondern über das Tempo, das er vorlegte. „Gut,“ sagte ich. Alesso zog die Brauen zusammen und blinzelte. „Du bist einverstanden?“ Jetzt war die Verwunderung auf seiner Seite. „Ja,“ bestätigte ich kurz und schlicht. Er legte seinen Kopf schief und blickte mir prüfend in die Augen. Das machte mich nervös und unsicher.

„Warum nimmst du mich nicht zur Belohnung für mein Einverständnis in den Arm?“ wollte ich wissen. Damit hätte er meiner Unsicherheit hundertprozentig abhelfen können. Seine Lippen rieben sich nachdenklich aneinander. „Daran habe ich auch gerade gedacht,“ gestand er. Ich hob mein Kinn und schaute ihn auffordernd an. „Nun - und?“ - „Später vielleicht. Ich glaube dir nicht, daß du so schnell einverstanden bist,“ wechselte er abrupt zum eigentlichen Thema zurück. Ich kicherte. Es klang falsch und schräg. Als hätte ich bereits zu viel von dem Wein genossen. „Du hast doch schon alles arrangiert,“ wies ich ihn auf einen sehr wichtigen Punkt hin. Alesso nickte. „Weil ich es für das Beste hielt.“ - „Für wen? Für dich oder für mich oder für Claudio?“ Er nahm endlich den ersten Schluck aus seinem Glas. Ich beobachtete die Bewegungen des Kehlkopfes und verfolgte die Spuren, die der Wein auf seinen Lippen hinterließ. Kein schlechter Anblick, jetzt am frühen Abend auf einem bequemen Sofa neben einem schweren Mann, der mir in Aussicht gestellt hatte, daß er mich nachher womöglich umarmen würde.

Alesso setzte bedächtig sein Glas ab, wozu er sich ein wenig vorbeugen mußte. Ich sehnte mich sofort danach, daß er mich an sich ziehen und nicht so schnell wieder loslassen sollte. Aber er lehnte sich wieder zurück, ohne mir die geringste Gelegenheit zu geben, mich an ihn ziehen zu lassen. Dann schaute er mich so sachlich an, als wäre ich eines seiner Möbelstücke, das neu gebeizt werden müßte. Heimlich haßte ich ihn dafür. So etwa acht bis zehn Sekunden lang. „Ja,“ begann er zu dozieren, „genau das denke ich. Es ist absolut das Beste, was mit dem Haus geschehen kann.“ Ich biß mir wütend auf die Unterlippe und war kurz davor, mit Fleiß mein Weinglas umzukippen. Nur um zu sehen, welche verheerenden Spuren der Wein auf dem hellen Teppich unter dem Sofa erzeugen würde. Und ob in Alessos Gesicht solch ein Mißgeschick noch die gleiche Wut auslösen würde wie früher. Wenn er sich ärgerte, stieg ihm das Blut rasend schnell ins Gesicht hoch und zauberte dort große, dunkle Flecken auf seine Wangen. Die allerdings auch entstanden, wenn er vor Gier alle gewohnte Gelassenheit und Ruhe fahren ließ, wie ich sehr wohl wußte. Was davon mir in diesem Moment lieber wäre, wußte ich jedoch nicht so genau. Im Grunde hing es allein von ihm ab. Das machte mich zusätzlich zornig. „An mich hast du dabei offenbar weniger gedacht,“ warf ich ihm vor. Er nickte. „Sollte ich das?“ Eine absolut alberne Verteidigung. Er kannte mich. Vielleicht nicht so gut wie das Innere seines Aktiendepots, aber es kam dem sicherlich ziemlich nahe. Daß ich mich nicht quer stellen würde, war ihm wie mir klar. Daß ich aber etwas für meine Folgsamkeit haben wollte, ebenso. Nur an dem, was das sein mochte, würde er zu Knabbern haben. Ich auch. Jetzt, in diesem Moment wollte ich seine Arme um mich haben und sein Gewicht fühlen. Leider schien er mir beides noch nicht sofort geben zu wollen. Was ich wiederum verstehen konnte. Aber nicht sehr mochte.

„Gehört das Haus dir und Steve zu gleichen Teilen?“ richtete ich fast ohne darüber nachzudenken mein Augenmerk auf eine eigenwillige Parallele zwischen ihm und mir. Alesso stutzte, dachte kurz nach und antwortete dann verwundert. „So in etwa.“ Ich beugte mich vor und strich schnell mit einem Finger um sein Kinn herum, bevor er es gänzlich aus meiner Reichweite entfernen konnte. Er müßte sich nochmals rasieren, spürte ich, sollte ich einen späteren und allerdings wohl leider mehr als unwahrscheinlichen Kuß von ihm ganz ohne Einschränkungen genießen können. Noch ein Hindernis, das sich vor mir auftürmte. „Was bedeutet euch das Haus?“ bohrte ich weiter. Er nahm einen zweiten Schluck und ich machte es ihm nach. Ein richtig schöner Wein. Ich beschloß, davon so schnell und so viel wie möglich in mich hinein zu schütten. Dann würde er sich später um mich kümmern müssen. Mich zu Bett bringen und mich auskleiden und zudecken und mir eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen müssen. Und ich könnte, falls es je notwendig werden sollte, in Zukunft behaupten, er hätte mich mit Alkohol überredet. Was zwar absurd klänge, aber wer weiß schon, was uns noch für Zeiten bevorstanden? Alesso nahm meine Frage jedoch ernst. Und das söhnte mich auf der Stelle wieder mit ihm aus. Er schaute in sein Glas, auf meine Nasenspitze, auf meine Knie und dann im Raum umher. „Stabilität,“ antwortete er, „aber ich glaube, das ist nicht zu vergleichen.“

„Wieso?“ fuhr ich dazwischen. Er grinste. „Steve und ich sind kein romantisches Liebespaar.“ Eine Sekunde blieb mein Mund offen stehen. „Wie?“ schnappte ich und fand erst einmal keine anderen Worte. Er lachte. „Hast du das etwa angenommen?“ - „Natürlich.“ - „Warum?“ Ich stieß heftig die Luft aus und lachte mit. „Ich weiß nicht. Vielleicht, weil ich es passend fand.“ Dann dachte ich hektisch nach und sprudelte hervor, was ich dachte. „Was denn nun? Ihr seid kein Paar, oder ja, nur kein romantisches, oder es gibt keinen Sex zwischen euch, oder was?“ Eine Sekunde kam es mir so vor, als hätte ich Alesso gekränkt. Ich kann das, und ich hatte es schon mehr als einmal getan. Nur war das lange her. Jetzt strich er sich die Haare zurück, als fielen sie ihm immer noch wie damals tief ins Gesicht, und nahm sich sichtlich zusammen, damit ich seinen Ärger nicht allzu schnell mitbekam. „Nichts von all dem,“ versuchte er klar zu stellen, doch ich glaubte ihm nicht. „Naja,“ tat ich leichthin, „sicher, sonst hättest du ja ebenso gut auch mit Claudio zusammen leben können.“

Sein Gesicht wurde starr und sein Körper spannte sich an. Ich erschrak, aber es war zu spät, meine Worte wieder zurück zu nehmen. Außerdem wollte ich das überhaupt nicht. Worte sind nicht allein dazu da, einander die Uhrzeit zu verraten. Allerdings hatte ich plötzlich doch etwas Angst vor Alesso. Wir waren schon immer gut darin gewesen, uns gegenseitig weh zu tun. Wobei es selten einen großen Unterschied gemacht hatte, ob wir das mit Absicht oder mit den Händen oder nur mit unseren Gedanken taten. Ich streckte einen Arm aus und versuchte, seine Wange zu streicheln. Um mich zu entschuldigen, ohne den Inhalt meiner Worte zu widerrufen. Zwei, drei Sekunden ließ er mich gewähren, dann griff er nach meinem Handgelenk und hielt sich meine Hand vor die Augen. Er sparte absolut nicht an Kraft dabei. Es tat weh und dauerte, und während ich abwartete, was er vorhatte, wollte ich mehrmals etwas sagen. Jedoch fiel mir nichts ein. Auch Alessos Lippen bewegten sich vorsichtig, als formulierten sie Wichtiges ins Unreine.

Ich faßte nach seiner Hand, die meine hielt, mit dem Ergebnis, daß er sofort auch mein anderes Handgelenk roh umklammerte. Immerhin brachte mich das ihm näher, auch wenn es eine eher erzwungene Nähe war und ich sicherlich keinen allzu eleganten Eindruck dabei machte. „Aua,“ sagte ich irgendwann. Er guckte überrascht, lockerte seinen Griff jedoch nicht. „Du mußt keine Gewalt anwenden, wenn du mit mir schlafen willst,“ säuselte ich. Es sollte witzig und vielleicht verführerisch klingen, denn ich wollte jetzt irgend etwas in mir spüren und er war gerade da, um gespürt zu werden. Aber eigentlich klang es nichts als falsch und gemein. Ich wurde auch umgehend knallrot deswegen. Er reagierte kaum, sondern schaute sich weiter stumm meine Hände an. Dann endlich nahm er die Kraft aus seiner Umklammerung. „Und wie ist das umgekehrt?“ fragte er leise. Ich wurde gleich nochmals und sicherlich doppelt intensiv rot. Und entzog ihm mit einem Ruck meine Hände. Die Haut an den Gelenken schimmerte vermutlich so dunkel wie mein Gesicht. Ich versuchte zu lächeln und probierte einen dritten Schluck Wein.

„Hast du immer noch das Gefühl, du müßtest mich für jedes nicht ganz koschere Gefühl zwischen uns bestrafen?“ fragte ich leise. „Du nicht?“ kam es umgehend zurück. Ich nickte, und er auch. Mit übertriebenem Eifer massierte ich meine Unterarme. „Wir würden aber heute niemanden mehr betrügen,“ behauptete ich. Er beugte sich vor und half mir, den Schmerz an den Druckstellen zu lindern. Ein schönes Gefühl. So massig und so wuchtig er meistens auftrat, so sanft konnte er dann wieder sein. „Doch,“ widersprach er mir, „das wird für immer so bleiben.“ Ich kicherte, weil ich ahnte, daß er von seiner Warte her gesehen Recht hatte. „Dann sollten wir besser beim Wein und wehmütigen Erinnerungen bleiben,“ regte ich halbherzig an. Nicht richtig enttäuscht. Im Grunde wollte ich nur Nähe haben und die sanfte Umhüllung durch ein vages Einverständnis. „Ein kluger Vorschlag,“ stimmte er mir zu. Ich seufzte. Es tat mir gut, wie er meine Haut berührte, und ich bedauerte es bereits jetzt, daß nicht viel mehr zu haben war für mich. Dennoch fühlte ich mich auf einmal fröhlicher.

„Wenn Mauro das Haus kauft, gibt es nichts mehr, was mir hier unten gehört,“ begann ich mutig einen der Punkte aufzuzählen, die dazu beitragen mochten, auch ihn fröhlicher zu stimmen. „Wäre das so schlimm?“ - „Mag sein. Könnte ich mir nicht bei euch ein Zimmer kaufen?“ fiel mir spontan ein. Alesso schüttelte energisch den Kopf. „Keine Frau im Haus,“ lehnte er ab. „Ich käme wirklich nur sehr selten her,“ begann ich zu verhandeln, als bestünde irgendeine Aussicht auf Einigung. „Selten kann von niemals bis andauernd reichen,“ wand er absolut korrekt ein. „Wir könnten doch alles genau regeln.“ - „Meinst du das im Ernst?“ - „Vielleicht. Es gefällt mir hier bei dir.“ Eine Weile schwiegen wir.

Bis meine Neugierde wegen Steve Überhand nahm. „Lebt ihr nun hier lediglich zusammen oder seid ihr auch zusammen?“ Er legte den Kopf in den Nacken und lachte laut und anhaltend. Anfangs fühlte ich mich von seiner Reaktion beleidigt. Aber sein Lachen enthielt keine Herablassung. Als es endlich abebbte, faßt er mich im Nacken und schüttelte mich sanft. Woraufhin ich mich gar nicht mehr beleidigt fühlen konnte. „Interessiert dich nur das?“ wollte er mit mehr Amüsement als Tadel in der Stimme wissen. Ich tat empört. „Aber nein! Was ich dich schon die ganze Zeit fragen wollte: was tust du dafür, daß Berlusconi endlich vor Gericht kommt? Und wie sieht es mit der Korruption in den Regionalparlamenten aus? Zahlen die ehrenwerten Herren nun auch korrekt Steuern auf ihre Nebeneinkünfte wie jeder andere Bürger?“ - „Alles geregelt,“ behauptete er großspurig. Verriet mir aber nicht, wie. „Wenn du mich weiter im Nacken schüttelst, werde ich gleich verrückt,“ kündigte ich an. Er riß die Augen weit auf. „Und wie macht sich das bemerkbar?“ Ich zuckte nur mit den Schultern.

„Wie bist du auf Mauro gekommen?“ lenkte ich ab. Er schnalzte und schaute mich pfiffig wie ein Pfadfinder bei der Schnitzeljagd an. Wenigstens ließ er meinen Nacken los. „Er ist hier herum jetzt eine große Nummer im Grundstücksgeschäft.“ - „Das heißt, ihr besucht die gleichen Restaurants und Bars?“ fragte ich und warf einen anzüglichen Blick auf die Inneneinrichtung. Alesso kicherte. „Aber wir sitzen nicht am gleichen Tisch.“ - „Na und? Die wahren Deals kommen doch sowieso auf der Herrentoilette zustande.“ - „Du mußt es wissen,“ amüsierte er sich weiter. „Ich mag nicht, wenn du dich über mich lustig machst.“ Umgehend wurde er ernst. „Ich mag nicht, wenn alles hier in fremde Hände kommt.“ - „Und Mauros Hände sind für dich nicht so fremd wie meine?“ Er kniff die Augen zusammen und sah erschreckt aus. „Das meinte ich damit nicht.“ - „Doch,“ gab ich zurück, „genau das meintest du. Du willst mich hier nicht haben, basta. Genau das hast du gerade eben gesagt.“ - „Nicht als Mieterin hier im Haus,“ schränkte er matt ein. Was wenig half. Wir beide wußten besser, wer von uns Recht hatte.

„Zahlt Mauro gut?“Alesso drehte seine Hände. „Das hängt von dir ab.“ - „Du glaubst, ich könnte mit ihm hart verhandeln?“ Er lachte trocken. „Sicher besser als ich.“ Ein paar Sekunden herrschte Stille zwischen uns. Diesmal hatte er Recht. Ich wollte das nicht zugeben, aber ich wußte es. Auf einmal verspürte ich wieder dieses kokette Erstaunen darüber, was ich alles schaffen konnte, wenn jemand mich nur nachdrücklich genug dazu zwang. Sei es im Guten, wie Alesso es gerade tat, indem er mich forderte, um etwas zu erreichen, an dem ihm lag, oder auf die andere Weise. Wenn ich mich etwa mit dem Rücken gegen eine Wand gedrängt fühlte und schnell nach einem Entkommen Ausschau zu halten hatte. Entkommen war eine gute Idee, schoß es mir durch den Kopf. Ich mußte nicht hier sitzen und Rede und Antwort stehen. Es gab noch eine Welt jenseits dieses Hauses und seiner wunderbaren Ausstattung mit allem, was das Leben eng und schwer zu führen macht.

Ich knallte mein Glas ziemlich hart auf den Tisch vor mir und richtete mich auf. „Ich will jetzt runter ins Dorf,“ verkündete ich. Alesso wog meine Idee ab. Draußen regnete es immer noch. Und es war nicht mehr allzu hell. Aber außer dem einem Glas Wein, das er getrunken hatte, gab es keinen objektiven Grund, warum wir nicht ins Dorf hinunter fahren sollten. „Jetzt noch?“ versuchte er dennoch, mich mit seinem mauligen Tonfall davon abzubringen. Aber sein Vertrauen in mein überwältigendes Verhandlungsgeschick hielt noch nach und sagte ihm, daß jeder Widerstand zwecklos sei. „Ja,“ bestand ich tapfer auf meinem Wunsch, „du kannst es dir aussuchen. Runter ins Dorf – oder nach oben zu dir ins Bett.“ Er lachte schallend. Das kitzelte einen raschen Anfall gekränkten Zorns aus mir heraus, der aber nicht lange anhielt. Weil nicht genug in mir tatsächlich zu ihm ins Bett wollte. Das hatte es nie. Worüber im Grund Alesso zornig sein mußte, und es wohl auch stets ein wenig war. Es stand demnach Unentschieden zwischen uns. Hatte es immer gestanden, dachte ich traurig. Vielleicht der wahre Grund, warum ich heute hier bei ihm war.

„Gut,“ stimmte er endlich meinem Plan zu und erhob sich. Ich tat es ihm gleich und wollte schon Richtung Tür laufen, da hielt er mich grob fest. Meine Handgelenke kriegten heute wirklich mehr als genug von ihm ab. Etwas, das eine gehörige Portion Wärme in mir auslöste. „Willst du dich nicht umziehen?“ fragte er. Ich wollte schon verneinen, aber sein Blick untersagte mir das. Viel habe ich für ihn niemals tun können, und sicherlich ihm nie das bedeutet, was er sich von mir heimlich gewünscht hätte. Oder ich mir. Aber mich für ihn umzuziehen war etwas, das mir leicht fallen sollte. Weil es nicht allzu tief in mich eindringen würde. Gerade so weit, wie ich Alesso höchstens in mir zulassen wollte. Umgekehrt war es nicht anders. Vielleicht lag seine Grenze sogar noch dichter unter seiner Oberfläche. Ich kam knapp bis unter seine tadellosen Hemden. Und durfte schon einmal meine Finger über seine Haut wandern lassen, weil er das gerne hatte und mich leiden mochte. Wie er mochte, wenn ich fröhlich und unbeschwert tat. Aber tiefer ließ er mich nie ein. Und eigentlich war mir das sehr recht.

Vor dem Schrank in meinem Gastzimmer zögerte ich nicht lange. Ich kannte Alesso und wußte genau, was er in mir sehen wollte. Ich bin keine krachende Schönheit, die sich nur einen Fetzen Stoff und ein schüchternes Kichern vor den Leib zaubern muß, um für jedermann umwerfend auszusehen. Aber was ein Mann, der mir nahe steht, von mir sehen will, muß mir niemand zweimal einflüstern. Der brave Alesso sah in mir schon immer eine elende Heuchlerin. Vom ersten Tag an hatte er meine Schale aus Unsicherheit und Ängstlichkeit als eine einzige Lüge betrachtet. Die er aber er bis heure dennoch heimlich und uneingestanden bewunderte. Er hatte das nie gesagt, und ich wette, würde ich es ihm je direkt ins Gesicht hinein aussprechen, müßte ich mich auf Einiges gefaßt machen. Tief in mir, als meinen wahren Kern, vermutete er unendlichen Ehrgeiz und beinharte Rücksichtslosigkeit. Und beides, so glaubte er, umgab eine schimmernde Schale aus nur gespielter Verletzlichkeit, auf die jeder Depp, ihn eingeschlossen, herein fallen mußte. Mein Hang zu übertrieben jugendlicher, fast kindlicher Bekleidung paßte genau in sein Bild von mir. Aber dann, wenn ich einmal sehr unvorsichtig das Gegenteil her zeigte, wenn ich, wie er sich einbildete, mein eigentliches Inneres andeutungsweise hervor blitzen ließ – dann lag er, wiederum bildlich gesprochen, mir zu Füßen. Praktisch gesehen war es meistens eher umgekehrt, aber so fühlte er halt in solchen Augenblicken, und, bis auf gewisse Einschränkungen, wollte ich, daß er so fühlte.

Ob ich mir allein deswegen das grüne Kleid eingepackt hatte, wäre ein Punkt, den ich mit meinem Analytiker diskutieren könnte. Der arme Kerl kriegt so wenig Aufregendes zu hören, daß er mir schon fast Leid tut. Jedenfalls hatte ich es ordentlich zusammen gelegt und in eine saubere Plastikhülle geschoben, die jetzt noch um sein Oberteil herum lag, während es im Schrank hing und darauf wartete, daß ich es endlich heraus nähme. Es war eines dieser Kleider, die du in einer dich eher einschüchternden Boutique im Schaufenster siehst, wo es dich so magisch anzieht, als hättest du am anderen Tag dein erstes Date und dein Gesicht wäre immer noch voller Pickel. Also gehst du hinein, schluckst und probierst es an. Noch in der Kabine glaubst du, die draußen auf dich lauernde Schönheit, die hier im Laden nur aus reiner Langeweile arbeitet und bedient, wird dich auslachen, sobald du heraus trittst. Aber du nimmst all deinen Mut zusammen und tust es dennoch. Natürlich lobt sie dich. Ist sie geschickt, stellt sie es so hin, als würde erst dein Leib das Kleid zum Blühen bringen. Und Himmel, ja, du glaubst ihr, weil du ihr glauben willst. Zu Hause dann könntest du heulen, wenn du es zum ersten Mal heimlich anziehst. Hier fehlt ein Pfund und da sind zwei zu viel und überhaupt siehst du darin aus wie ein Flittchen um fünf Uhr morgens an der Bushaltestelle. Wochen später überredet dich deine Eitelkeit dazu, es erstmals öffentlich vorzuführen. Und dann tust du so, als fielst du aus allen Wolken, wenn du in die Augen der Menschen guckst, deren Urteil dir wichtig ist. In die der anderen schaust du natürlich auch. Vielleicht sogar noch genauer.

Ich zog mich bis auf den Slip aus und streifte mir das Kleid über. Ich hatte wenig gegessen die letzten Tage, also fiel es fast gleich wieder an mir herunter. An sich mußten seine Träger durch irgendeine transparente Querverbindung auf meinen Schultern gehalten werden, aber ich hasse das Gefühl von Plastik auf meiner Haut. Und, seien wir ehrlich, genau das ist doch die einzige Basis der Wirkung eines solchen Kleides: daß alle Welt denkt, mein Gott, wie kann sie sich darin denn bloß bewegen, das arme Kind. Gestandene Männer halten sich daher bereit, dir zur Seite zu springen. Teils, um deine Ehre zu retten, teils um dabei zu sein, wenn die Hüllen fallen. Und ältliche Damen erinnern sich an ihre Jugend und an die wilden Dinge, die sie nie erlebt haben. Ich fummelte an dem dünnen Stoff herum, bis alles irgendwie oben blieb. Zerrte ein Paar silberne Strümpfe aus ihrer Verpackung heraus, weil ich nicht barfuß in den einzigen Schuhen, die dieses Kleid tolerierte, gehen wollte. Und schaute mich dann an, wie ich starr und steif aufgerichtet vor dem Spiegel stand und darauf wartete, daß jemand mir sagte, ob ich gut aussähe.

Am liebsten hätte ich laut geheult. Ich fand mich nicht übel, alles sah bestens aus und nichts fiel an den falschen Stellen aus seiner Verpackung. Aber das war nicht ich, auch wenn jemand wie Alesso Stein und Bein darauf geschworen hätte. Das war irgend ein imaginäres Wesen, das mich ab und zu besuchen kam. Mehr nicht. Fast hätte ich das Kleid mir wieder vom Leib gerissen. Aber seit ich mein eigenes Geld verdiene, habe ich ein wenig Ehrfurcht vor den Preisen der Dinge entwickelt. Und als ich mich gerade entschlossen hatte, das Kleid korrekt über den Kopf hinweg wieder abzulegen, kam Alesso herein. Ohne anzuklopfen. Statt mich zu ärgern heizte das mir ganz gewaltig ein. Mein Herz tanzte den Paso Doble und meine Gedanken spielten etwas, das ich nicht beim Namen nennen konnte. Er trat mitten ins Zimmer und beäugte mich stumm. Seine Augen glänzten. Und seine Brust hob und senkte sich deutlich sichtbar.

„Überredet,“ brachte er hervor, nach ein oder zwei oder tausend Minuten, „in welches Zimmer willst du einziehen?“ Ich lachte. „Alesso, hör auf,“ machte ich, „sonst fange ich an zu weinen und mein Make-up geht zum Teufel.“ - „Du bist doch gar nicht geschminkt.“ Ich trat näher an den Spiegel heran und schaute nach. „Stimmt,“ gab ich zu, „aber ich dachte es. Ist wohl nur mein Heuschnupfen.“ Er kam herüber und stand so dicht hinter mir, daß keine Lüge mehr zwischen uns gepaßt hätte. „Hast du keine Angst, ich könnte dich im See ertränken, wenn du so mit mir ins Dorf gehst?“ Seine Stimme war hohl, fast nicht zu hören. „Nein,“ gab ich zurück. Wahrheitsgemäß. Er hob beide Arme und legte seine Hände um meinen Hals. Dazu war der da. Weiß, nackt und schwach. Er drückte nicht sehr fest zu. Fast war es eine Liebkosung. Wie alles, was zwischen uns je war. Ich wehrte mich nicht, aber es gefiel mir auch nicht. Ich schaute nur hin. Dann ließ er mich los und klopfte mir auf den Rücken. Ziemlich weit unten.

„Los,“ kommandierte er, „wir haben Vorsaison. Wenn du nicht nur blöd in die Landschaft hinaus starren willst, müssen wir uns beeilen.“ Ich nickte, drehte mich um und schaute hoch zu ihm. „Ich will erst einen Kuß,“ verlangte ich. Ich trug ein superscharfes Kleid, ich durfte das. Alesso zögerte. „Komm schon, du Feigling,“ gab ich Gas. Der Kuß war nicht übel. Er konnte es besser, ich auch, aber wir hatten beide schon erheblich schönere Tage als den heutigen gesehen. Ich rieb etwas dreist ein Bein an seinen Hüften und er versuchte etwas fies, mir deswegen auszuweichen. Unsere Zungen blieben zu Hause. Wie unsere Gedanken. Aber all das abgezogen war es ein sehr passabler Kuß. Wir lebten. Ich lebte. Was sollte ich mehr wollen? Fernanda hätte womöglich mit mir getauscht, hätte jemand sie nur darum gefragt. Das tat aber keiner. Also war es an mir, und an Alesso, daß wir jetzt ins Dorf hinunter fuhren und dort den Abend ausklingen ließen. Damit der Tag nicht alles begrub, was es wert war, erhalten zu bleiben.

© by SuMuze