Die Zärtlichkeiten zwischen Ansgar und unserer Heldin setzen sich während der Fahrt in sein Domizil zum beiderseitigen Vergnügen im Wagen weiter fort und werden nur durch eine kurze, etwas ernsthaftere Unterhaltung unterbrochen. Wir lernen den Gebäudekomplex, ein älteres Bauwerk in einem ehemaligen Gewerbegebiet nahe der Innenstadt, kennen, in dem sich Ansgars Wohnung befindet, welche sich überraschend als Werkstatt entpuppt, und anschließend erfahren wir noch ein paar Details über ihn und sein Verhältnis zu seinem Vater.
Als ich mich im Wagen gerade hinter das Steuer geklemmt und mein Brillenetui mit langen Fingern aus dem Seitenfach heraus gefischt habe, gibt es da einen kurzen Augenblick, in dem wir beide fast gleichzeitig zögern und nachdenken. Jedenfalls sieht es mir ganz danach aus. Mein eingelullter Denkmechanismus ruckelt für ein paar flinke Umdrehungen heftig vor sich hin. Noch sei ja nichts entschieden, flüstert er mir zu. Das stimmt.
Mein Wagen steht mit kaltem Motor am Straßenrand und rührt sich nicht vom Fleck. Auch meine Hand dreht den Zündschlüssel noch nicht um. Und draußen vor den Scheiben gibt es dieses milchige Licht früher Spätsommernächte, das so ungeheuer großzügig mit seinen Schatten umgeht und sie überall in die Gegend hinein wirft, weil sie nie wirklich dunkel wirken. In einer solchen Beleuchtung erscheint dir alles möglich und nichts davon wirkt im Geringsten schroff oder gefährlich oder gar falsch, weder das Weitermachen noch das Umkehren.
Wir könnten leise miteinander reden, überlege ich, uns schüchtern und vielleicht verlegen und auf jeden Fall entschuldigend und freundlich anlächeln, mit viel Sympathie füreinander, aber ebenso abkühlender Gier, und dann tatsächlich in die früher am Abend angepeilte Bar fahren, um dort etwas Kleinstadtschikeria zu tanken und alles noch einmal aufzuschieben oder es besser gleich ganz sein zu lassen.
Das wäre vielleicht die gelungenere Alternative, denn sie würde mich neben vielem anderen davor bewahren, den verschwurbelten Dummheiten, die ich mir den Abend über zusammen gebastelt habe, noch viel idiotischere Taten folgen zu lassen. Auf Gedanken steht keine Strafe, jedenfalls ist das, soweit ich weiß, bisher noch nie der Fall gewesen, ich nehme allerdings an, sie arbeiten irgendwo bereits heimlich daran.
Wie auch immer, für Handlungen gilt das leider nicht. Du mußt für alles, was du tust, irgendwann gerade stehen. Und ob ich hellauf begeistert wäre, für das, was ich in den nächsten Minuten oder Stunden alles tun könnte und tun werde, später einmal zur Verantwortung gezogen zu werden, möchte ich stark bezweifeln. Er hat damit viel weniger Probleme, weswegen es ihm sehr leicht fällt, mich ohne jedes dumme Grinsen oder ablenkendes Lächeln anzuschauen.
Für ein paar Augenblicke ist er lediglich ein umwerfend schöner, junger Mann mit warmen, überzeugend leuchtenden Augen und einem, wie ich annehme, tadellos funktionierenden Leib, nach dem es mich allerdings so sehr verlangt, daß ich meine Brille kaum richtig aufsetzen kann und bloß nervös daran herum fummele, bis sie mir beinahe hinunter in den Fußraum stürzt. Zu meinem Glück rettet er mich im letzten Moment.
Gemächlich hebt er seinen Arm und fährt mit der weichsten und behutsamsten Fingerspitze der Menschheitsgeschichte die glühenden Täler meiner Wangen nach un berührt nacheinander meine Lippen, meine Nasenspitze, spart nicht den leicht eifersüchtig werdenden Nasenrücken aus, besucht meine kochend heiße Stirn und endlich auch meine Haare, und so ganz nebenbei korrigiert er den Sitz meiner Brille, ohne daß ich überhaupt merke, wie er das macht.
Eine winzige, unbedeutende, eigentlich gar nicht der Rede werte Geste, die mich trotzdem als allerletztes in einer Kette von für sich genommen jeweils eher unbedeutenden Details davon überzeugt, ihn nicht aus dem Rennen zu werfen, wozu ich mich in diesem Moment schon fast entschlossen habe.
Er rechnet selbst damit, davon bin ich überzeugt. Und wartet ruhig ab und räumt mir jede Möglichkeit ein, mich im letzten Augenblick gegen ihn zu entscheiden. Das hat nichts platt drauf los Drängendes an sich, nichts Plumpes oder sich gar übermütig seines Sieges Gewisses, sondern ist im Gegenteil äußerst behutsam und geschickt und vermutlich genau das, was es braucht, mich endgültig zu verführen und davon zu überzeugen, das alles gut wird.
„Wie heißt Du eigentlich?“ frage ich, nachdem ich zu meinem Erstaunen den Motor auf Anhieb habe starten können und ohne irgendwo hörbar anzustoßen, los gefahren bin. Er stutzt und lacht dünn und schaut dann leicht säuerlich zu mir herüber.
„Weißt Du das nicht?“ Ich versuche, mich zu erinnern. „Ansgar,“ hilft er mir auf die Sprünge und zieht einen kleinen Schmollmund. Wie jede Bewegung seiner Lippen zupft auch diese sofort an meinem Verstand und befeuert erneut mein Verlangen nach ihm.
„Ja, richtig,“ lüge ich schnell und erröte dabei. Ich erinnere mich tatsächlich erst jetzt wieder daran, seinen Namen bereits zuvor gehört zu haben. Warum ich das verdrängt habe, ist mir schleierhaft. Normalerweise bin ich in diesen Fragen aufmerksamer.
Er macht eine vage Geste. Ihn ärgert es, daß ich seinen Namen nicht behalten habe. Zum Ausgleich streckt er seine Hand aus und führt sie reichlich direkt und roh zwischen meine Beine, bevor ich mich noch dagegen verwahren kann. Das kommt nicht ganz so gut an wie seine früheren Berührungen. Im Grunde stößt es mich sogar heftig ab.
„Laß das,“ fahre ich ihn also scharf an, „das mag ich am Steuer nicht.“
„Okay, kein Problem.“ Brav löst er seine Hand wieder aus meinem Schoß und wedelt beschwichtigend mit ihr durch die Luft. Dann schaut er stumm aus dem Seitenfenster.
Ich warte ab, was das soll, denn falls er hier auf beleidigt machen will, habe ich absolut keine Lust, mitzuspielen und etwa den kleinen Racker mütterlich besorgt wieder ins Kinderparadies zurück zu holen.
„Ich mag das eigentlich auch nicht,“ höre ich seine Stimme. Erstaunt blicke ich zu ihm hin.
Das klingt schon wieder anders, als ich erwartet habe. Überhaupt nicht, als wäre er eingeschnappt, auch nicht provokant oder gar schnippisch, sondern fast ein wenig traurig und auf jeden Fall ehrlich.
„Warum machst Du es dann?“ Eine Weile kommt nur Schweigen zurück, dann dreht er langsam den Kopf in meine Richtung. Sein Blick, den ich nur spüren, nicht sehen kann, weil ich auf die Straße achten muß, scheint schwer geworden zu sein.
„Weil es meistens wirkt,“ meint er eigenartig kalt und mit einem Achselzucken, das ich ebenfalls nur ahne.
„Bist Du Dir da sicher?“ - „Bei Dir hat es vorhin auf jeden Fall gewirkt,“ stellt er trocken fest.
Nicht ganz zu Unrecht. Im Gegenteil, es wirkt ja immer noch weiter in mir fort, und wie. Trotzdem gebe ich ein empörtes Geräusch von mir, das alles mögliche bedeuten kann.
„Was?“ fragt er sofort nach. „Blödmann,“ ergänze ich meine unartikulierte Meinungsäußerung. So schnell fällt mir nichts Klügeres ein.
Er schweigt einen Moment und ich vermute, daß er mich leicht verständnislos und vielleicht auch gekränkt anschaut.
„Vielleicht bin ich das ja sogar, aber was ist mit Dir? Kreuzt Du immer deine Beine, wenn es zur Sache geht?“ reagiert er schließlich beleidigt, was ich ihm eigentlich nicht übel nehmen kann, obwohl es mich ärgert, daß er am Ende nun doch ausfallend zu werden droht.
„Wenn Du mir mit solchen Sprüchen kommst, unter Garantie,“ gebe ich recht kühl zurück. „Gut zu wissen,“ macht er. „Ja, lernen lohnt sich immer.“ - „Da ist übrigens Rot!“
Ich muß scharf bremsen und er knallt hart gegen die Windschutzscheibe, weil er sich natürlich nicht angeschnallt hat. Eine der in dieser Stadt überaus beliebten Ampeln, welche Tag und Nacht eifrig den Verkehrsfluß zerstören, hat unsere etwas stürmisch gewordene Reise in sein Bett abrupt aufgehalten, weil ich sie zu spät gesehen habe. Er hält sich die Stirn und gibt einen Laut von sich, der klingt, als hätte er sich ernstlich weh getan.
Ich falle darauf herein, aus schlechtem Gewissen wegen unseres Geredes und aus verletztem Stolz auf meine Fahrkünste, beuge mich zu ihm hinüber, um nachzuschauen, was er hat, und natürlich nutzt er die Gelegenheit und meine nicht bloß gespielte Besorgnis ohne Zögern aus, fängt mich mit seinen Armen ein, preßt mich laut lachend und mit einer Kraft an sich, gegen die ich nichts ausrichten könnte, selbst wenn ich es versuchte, was ich aber gar nicht tue, und küßt mich, was mir sofort erneut den Kopf verdreht.
So genüßlich, als ginge es ihm mehr darum, mir zu beweisen, daß er es kann, als darum, es zu tun, vollführt er nun all das an mir, was ich ihm kurz zuvor noch untersagt habe. Zerrt mir die Knie auseinander und streift höllisch langsam mit der Hand zwischen meinen Schenkeln auf und ab, über meinen Bauch hin, durch meinen Schoß, rund um meine Hüften herum, das volle Programm.
Meine Muskeln spielen sofort mit, spannen sich an und lieben das Gefühl des leichten Drucks seiner Finger, das für mich so stark scheint wie der Asphalt unter uns. Deswegen kommt das Folgende für mich vollkommen unerwartet.
Zufrieden mit sich und seiner Wirkung läßt er mich jäh wieder los, lehnt sich bequem zurück und schnurrt, ganz der Kater, der sich im Licht seiner Erfolge sonnt. „Na also, geht doch,“ stellt er feixend fest.
Ich bin sprachlos. Mir ist, als ob sich eine Schrotladung direkt in mein Gesicht hinein entladen hat, so heftig brennen mir die Wangen. Bevor aber mein Zorn über seine dreiste Selbstgerechtigkeit sich voll entfalten kann, muß ich mich erneut auf die Straße konzentrieren, weil die Ampel wieder auf Grün geschaltet hat und ein ungeduldiges Hupen mich darauf aufmerksam macht.
Beinahe rutscht mir in der Hektik beim Anfahren der Fuß von der Kupplung ab. Auf jeden Fall lege ich einen für meine Verhältnisse hundsmiserablen Start hin, der die hinter mir Wartenden gegen mich aufbringt. Links neben uns fährt für ein paar Meter ein Kombi, der Fahrer zeigt mir wütend einen Vogel und zieht dann mit Vollgas auf und davon.
„Du hast ja Recht,“ versucht er mich zu beschwichtigen, mitten zwischen den zweiten und dritten Gang hinein, „solche Sprüche sind echt idiotisch.“
Trotz meines Zorns höre ich sehr gut, daß er nicht von dem redet, was er gerade getan hat. Reden scheint zwar nicht sein Ding zu sein, aber er kann es, wenn es sein muß, offenbar durchaus präzise und passend tun.
Zur Veranschaulichung seiner Meinung fängt er damit an, die Strähnen meiner Haare zu zählen, was ich gar nicht idiotisch finde und mich beim Fahren auch nicht wirklich stört.
„Was sollte das denn gerade?“ fahre ich ihn dennoch an, als der Verkehr mich nicht mehr davon abhält, kurz zu ihm hinzuschauen.
Als Antwort streichelt er erneut meine Schenkel. Und diesmal ist es für mich okay. Es wäre viel zu anstrengend, sich weiter zu sperren. Ich gucke nicht mal hin, ich unternehme überhaupt nichts dagegen, obwohl es mir nicht gerade dabei hilft, mich aufs Fahren zu konzentrieren.
„Du bist eigentlich auch mehr für die direkte Aktion,“ behauptet er, zufrieden mit seinem Erfolg und stolz über sein frisch gesammeltes Wissen über meinen Charakter.
Ich kichere, ich weiß nicht, warum, bleibe zu lange im dritten Gang, weil mein abklingender Ärger über das, was er quatscht, mit meiner rasch zunehmenden Erregung wegen dem, was er tut, kämpft und das Match natürlich verliert.
„Ich kann so nicht fahren,“ maule ich. Als Antwort widmet er sich mir doppelt intensiv. Womit die Diskussion beendet sein dürfte, denn ich schaffe es einfach nicht, mich der Wirkung seiner Zärtlichkeiten zu entziehen.
Ich beschleunige also, schlüpfe flüssig in den Vierten und würde am liebsten das Lenkrad loslassen und seine Haare zerwühlen oder ihm den Kopf abreißen. Oder Vollgas geben. Aber ein Angeber in der Spur vor uns ist im Weg und spielt mit mir Verkehrserziehung. Sein Glück, daß ich meine Laserpistolen heute zu Hause gelassen habe, denke ich wütend. Die Ablenkung jedoch hat meinen Zorn gegen meinen Beifahrer endgültig beseitigt.
“Wie alt bist Du eigentlich?“ fragt er plötzlich. Ich erschrecke, gebe mir einen Ruck und antworte ihm knapp und korrekt.
Er macht ein winziges Geräusch, das ich nicht deuten kann, außerdem bin ich vollauf damit beschäftigt, meine Augenlider daran zu hindern, schläfrig herunter zu sinken, was sie unendlich gerne tun würden, denn jetzt streichelt er mich, als übten wir für den junior petting contest der Mittelstufe und er brächte mir gerade die letzten Feinheiten bei, und die erfordern meine volle Konzentration.
„Das gefällt mir.“ - „Was?“ - „Daß Du älter bist,“ erläutert er zum Glück seine Meinungsäußerung. „Warum?“ frage ich, verschlucke mich fast, keuche und gebe noch ein Husten oben drauf. Er kichert bloß leise.
„Da gibt es tausend Gründe.“ - „Die Highlights reichen mir.“ Komisch empört grunzt er und lacht dann wieder fröhlich auf.
„Vor allem natürlich aus Angeberei,“ gibt er ganz offen zu. „Mit mir?“ frage ich verwundert und, wie kann es anders sein, ein kleines bisschen geschmeichelt, oder doch auf jeden Fall bereit, mich geschmeichelt zu fühlen.
Die verrückte Wirkung seiner Finger streift wie eine marodierende Horde durch meine Gedanken, und die Räder des Wagens tun das nicht weniger verwegen am Straßenrand entlang. Ich korrigiere im letzten Moment durch Gegensteuern und höre mein Herz heftig klopfen.
„Klar, aber mit mir genauso,“ ergänzt er ruhig. Das überrascht mich und bringt mich zum Nachdenken. Weniger, weil er um diese Gefühle weiß, sondern weil er sie mir gegenüber offen anspricht.
Ich nehme mein immer noch rasendes Herz in die Hand. „Hast Du noch nicht sehr viele ältere Frauen gehabt?“
Mein Bauch wird heiß und meine Hände feucht. Mich selbst ihm gegenüber laut als eine Frau zu bezeichnen, die er hat, oder bald haben wird, und daran zu denken, was dieses winzige Wort alles umfassen kann, erregt mich in diesem Moment beinahe mehr als die Berührungen seiner Finger zuvor.
Zum ersten Mal frage ich mich, inwieweit er überhaupt als lebendige Person für mich zählt, oder ob er nicht vor allem als ein sehr hübsches, verlockendes, aber ansonsten doch recht beliebiges Symbol für einige dubiose Spielarten meiner Gier und meines Zorns auf einen anderen Mann herhalten muß. Und schiebe diesen Gedanken rasch weit fort. Daran will ich jetzt absolut nicht denken.
„Nein,“ gibt er erneut offen zu, „ich habe nicht einmal viele Frauen gehabt!“- „Was,“ entfährt es mir, „du machst Witze!“ - „Nein, das ist die reine Wahrheit, “ bekräftigt er.
Ich glaube ihm nicht. „Das kannst Du mir nicht weismachen. Nicht bei Deinem Aussehen und Deiner Kußtechnik,“ behaupte ich. Darauf antwortet er nicht.
Eine Weile schweigen wir beide, aus sehr verschiedenen Gründen, wie ich annehme. Ich spüre, daß ich ihn womöglich verletzt habe, weiß aber nicht, wie und warum. Und fühle mich selbst falsch und billig, wie jemand, die nur ins Ramschregal greifen wollte und plötzlich eine Perle in der Hand hält.
„Meine Küsse machen also wenigstens Eindruck auf dich,“ nimmt er als erster unser Gespräch wieder auf. Eigenartig dumpf klingend, fast vorwurfsvoll, als täte ich ihm damit Unrecht.
„Wollen wir Listen anlegen mit dem, was uns aneinander begeistert?“ frage ich ihn und tue so, als wäre das vielleicht keine schlechte Idee. Er zwinkert und überlegt. „Oder damit, womit wir das zu gerne täten?“ erweitere ich meinen Vorschlag. Jetzt lacht er. Und mich erleichtert das.
Er fängt wieder an, mir die Haare zu streicheln, das beste Mittel, mich aus einer zornigen Furie in ein braves Lamm zu verwandeln, selbst wenn die Hand, die das tut, nicht zu einem jungen Mann gehörte, der mich an etwas andere Tiere denken läßt.
„Womit würdest Du gerne Eindruck machen?“ will er sofort von mir wissen. Ich grinse das Lenkrad an. „Siehst Du das nicht?“ - „Tja,“ kommt sehr leise zurück, „kann man das so einfach sehen?“
Ich gucke hinüber und scheuche um ein Haar zwei Radfahrer in die Büsche, die wütend hinter uns her schreien. Um irgendwas zu tun, hupe ich. Eine ziemlich dämliche Handlungsweise, das weiß ich selbst.
„Paß auf die Straße auf,“ tadelt er mich. „Paß auf Dich selbst auf,“ gebe ich ihm heraus, weil sein sachlicher Tadel mich trifft und ärgert, aber die Tatsache, wie schroff er mich angesprochen hat, und obendrein noch zu Recht, mir eigenartig gut gefällt.
Dennoch beginne ich an dem, was ich hier tue, zu zweifeln. Trübsal will ich auf keinen Fall blasen, das hätte ich da, wo wir her kommen, viel einfacher haben können. Ich will auch keine Probleme wälzen. Offenbar jedoch wirke ich auf die Männerwelt heute wie ein lebender Katalysator für melancholische Stimmungen und tiefschürfende Selbstzweifel, während ich selbst ganz banal empfinde und einfach nur leichtfertig sein will.
Wir sind angekommen, das lenkt mich von meinen trüben Überlegungen ab. Auch Ansgar scheint sich wieder gefangen zu haben und dirigiert mich durch eine Lücke in den dicht an dicht parkenden Fahrzeugen hinein in eine schmale Einfahrt zu einem alten Gewerbekomplexe, dessen weit geschwungene Front in einer sich leicht krümmenden Straße inmitten eines Blockes von Fabriken und Bürogebäuden liegt. Dicke Sandsteine markieren den Torbogen der Einfahrt, an dessen Spitze eine Art Wappen prangt, was sehr altmodisch und auch irgendwie schön kämpferisch aussieht.
Der Komplex hier gehört zu einem Industrieviertel der Stadt, das sehr dicht an ihren Kern heran gerückt ist, so daß sich die Häuser entlang schmaler Straßen eng aneinander aufreihen müssen. Der Durchgang mitten im straßenseitigen Bauteil führt auf einen Hinterhof mit rundum steil aufragenden Bauten, die noch aus der ersten Phase der Industrialisierung stammen dürften, als gewerbliche Bauwerke wie Fabrikhallen oder Speicher und auch öffentliche Bauten sich alle sehr ähnelten und mit ihrer Architektur die fein gestalteten Fassaden von Handelshäusern der alten Herrschaft, die sie abzulösen im Begriff standen, zu imitieren versuchten, fast als schämten sie sich ihrer eher schnöden Zwecke und der Methoden, die sie anwandten, um sich durchzusetzen.
Im vorderen Teil hat es, wie ich vom ersten Augenschein her vermute, schicke und sicherlich teuer modernisierte Stadtwohnungen. Die großflächigen Fenster in den oberen Etagen, von denen viele hell erleuchtet sind, und die winzigen Balkone davor deuten darauf hin. Oben im Dach liegen Mansardenwohnungen, von deren Loggias du einen schönen Blick auf die Stadt haben müßtest. Das hintere Haus, dessen Mauern wie die eines antiken Bades abwechselnd mit hellen und dunklen Klinkern gekachelt sind, weist die gleichförmigen, fast monotonen, dennoch in sich durch die vielen kleinen Scheiben gegliederten Fensterfronten auf, die für Fabriketagen aus jener Zeit typisch waren und hinter denen jetzt am Abend durchweg Dunkelheit herrscht.
Das sieht alles sehr nüchtern auf, paßt aber gut zu dem engen Hof. Steinerne Pflanzkübel mit japanisch aussehenden Nadelbäumen im Miniformat und ein paar hübsche Holzbänke, einfach konstruiert und weiß gestrichen, markieren die Parkplätze, welche die übliche Kollektion ausreichend teuer aussehender Fahrzeuge beherbergen, fast alle in diesem matten Schwarz, das Menschen für solide und edel halten, die keinen eigenen Geschmack haben. Warum sich die Besserverdienenden dieser Welt bei ihren Fahrzeugen die plumpe Ästhetik von Leichenwagen zu eigen machen, wird mir ewig ein Rätsel bleiben, verstecken sie sich doch sonst so gerne hinter heimlich bei Experten gekaufter Schönheit.
Alles sieht überhaupt nach etwas zu viel Geld aus. Das Licht stammt von einem dutzend schlanker, viel zu eleganter Stahllampen, die vermutlich alle paar Jahre gegen die neuesten Kreationen ausgetauscht werden, und die Schilder neben dem Eingang zum Vorderhaus sind so schreiend überdeutlich aus glänzend poliertem Edelmetall gefertigt und garantiert nur mit der Hand gebürstet, daß es dem Auge fast weh tut, sie zu lesen. Die Namen darauf verraten mir wenig, klingen aber alle nach Firmen, die noch nicht sehr lange auf der Welt sein können, weil sie schamhaft die natürlichen Nachnamen ihrer Gründer oder Besitzer verschweigen und statt dessen lediglich alberne Phantasienamen oder Kürzel bemühen.
Früher mochte der Hof vielleicht eine Spedition beherbergt haben, überlege ich, die hier ihre Lastwagen be- und entladen ließ, denn es gibt seitlich eine zweite Ausfahrt, die jetzt jedoch zugemauert ist, und im rückwärtigen Gebäude zwei große, stählerne Tore hinter einer etwa hüfthohen Laderampe aus grauem Beton mit mehreren, schräg in ihren mit breiten Metallkanten verstärkten Rand hinein gefräste Ladebuchten. Eine schmale Treppe an der Seite diente damals wie heute als Personenaufgang.
Ansgar hat mir genug Zeit gelassen, das alles in mich aufzunehmen, nun aber greift er entschlossen um mich herum und hebt mich mit einem Schwung auf die Rampe hoch, was meine zwischenzeitlich doch leicht durcheinander geratenen Gedanken erneut in Richtung Erotik polt, ohne das Chaos in mir aufzulösen zu können. Sofort dränge ich mich gegen ihn. Er verweigert sich mir nicht, sondern legt behutsam seinen Arm um mich.
Ich bin froh, daß seine Hände sich wieder meinen zuletzt etwas stiefmütterlich behandelten Hüften widmen, während wir durch das rechte der beiden Tore das Hinterhaus betreten. Es hat vergitterte Milchglasscheiben in Kopfhöhe und sein krümeliger Lack weist eine Unmenge von Schleifspuren auf. Die Farbe erinnert mich entfernt an ein militärisches Grün, was den Eindruck eines Gefängnistores ergibt, den auch die dahinter wartende, muffige Aufzugskabine, in welcher sich problemlos eine 2-Zimmer Wohnung unterbringen ließe, nicht verscheucht.
Sehr passend dazu ächzt und klappert das Metallgestänge des Liftschachtes hoch über unseren Köpfen mächtig und die Kabine vollführt beim Klettern leichte Schlingerbewegungen, während ein nicht genau zu lokalisierender, asthmatisch keuchender Motor uns so langsam wie die steigende Flut am Meer nach oben hebt. Das würde unheimlich auf mich wirken, stünde nicht der junge Mann neben mit, dem es offenbar Spaß machte, zeigte ich ihm eine Spur von Ängstlichkeit.
Ich begnüge mich daher damit, mich an ihm festzuhalten und meine Brust gegen seine zu pressen, was meine vage Unsicherheit unter der Gier nach Berührung versteckt. Richtig präzise denken kann ich sowieso nicht mehr. Neben der reinen Erregung fühle ich mittlerweile eine seltsame Verantwortung für alles. Für den weiteren Verlauf des Abends und für ihn, so als wäre er mir gerade als kostbares Mündel für die Nacht anvertraut worden, und diese absurde Idee verwirrt mich zusätzlich. Scheinbar spürt er etwas davon, denn er hält mich ohne viel Tamtam einfach nur in seinem Arm. Und das kann er perfekt.
Beide sagen wir kein Wort. Ich vor allem, weil ich meiner Stimme nicht sicher bin und mich außerdem ganz automatisch darauf konzentriere, mir den Weg zurück ins Freie einzuprägen. Warum Ansgar schweigt, kann ich nur schwer einschätzen. Vielleicht will er jetzt lieber darauf achten, wie ich auf ihn und seine Behausung reagiere. Seine stumm konzentrierte Aufmerksamkeit hat eine beinahe beängstigende Intensität, von der ich mich sowohl heftig angezogen als auch auf eine nicht allzu schmeichelhafte Weise entblößt fühle.
Meine Stimmungslage ist mittlerweile wieder ausgesprochen labil geworden. Mit ihm scheint alles wesentlich komplizierter zu sein, als ich es mir erhofft und eingebildet habe, und ich kann mich nicht entscheiden, ob mir das gefällt oder nicht. Unser Schweigen paßt auf jeden Fall sehr gut zum stillen Haus und dem ächzenden Lift.
Nach einer Ewigkeit heil oben angekommen, entläßt uns der Fahrstuhl in einen schmalen Flur, der quer durch das halbe Gebäude verläuft. Er ist bis unter die Decke gekachelt und ansonsten vollkommen leer, so daß unsere Schritte laut wie Kanonenschüsse darin wider hallen. Ich zucke jedes Mal, wenn wir die Füße aufsetzen, ein wenig zusammen und Ansgar scheint zu genießen, daß ich mich deswegen fest an ihn klammere.
Durch das beinahe undurchsichtige Glas der Fenster an den beiden Enden des Flures fällt kaum Licht herein, doch oben stecken in einer Schiene vier große Deckenfluter, die, nachdem er sie mittels eines laut klackenden Hebels in einem roten Kasten eingeschaltet hat, genug Helligkeit verbreiten, um bis in den letzten Winkel jedes Staubkörnchen erkennen zu können, wären da welche. Es ist aber absolut sauber hier drin, es riecht sogar sauber, und das habe ich nun wirklich nicht erwartet.
Vermutlich nachträglich eingebaute, grell gelb lackierte Türen mit großen, eckigen Zahlen in der Mitte gehen vom Flur ab. Ansgar nimmt mich an den Schultern, dreht mich um und schiebt mich mit dem Rücken gegen die Tür mit der großen Zwei. Die ist kalt, mir aber nicht. So wie er mich anfaßt und drückt, wundert es mich, daß er mich damit nicht gleich quer durch den dünnen Stahl des Türblattes hinter mir gerammt hat.
„Hier wohne ich,“ verrät er mir. Ich lache und hebe mein Kinn und lasse mich küssen. Vielleicht, denke ich, brauchen unsere Gefühle ja eine Erholungspause. Unsere Körper weniger. Seiner ist so prall und so drängend wie ein Schnellzug, meiner kommt kaum mit.
„Darf ich nicht hinein?“ frage ich irgendwann. Küssen im Treppenhaus ist ja ganz nett und sieht auch sicher sehr aufregend aus, besitzt aber für die direkt daran Beteiligten auf die Dauer nur eine durchaus begrenzte Attraktivität.
Er grinst und schließt die Tür auf und greift, ohne hinzuschauen, seitlich hinter mir nach einer Schalterleiste. Eine Kaskade von Gewittern blitzt unter der Decke auf. Ich drehe mich um und staune nicht schlecht über das, was ich da zu sehen bekomme. Immer noch einmal klickend, wenn ich schon denke, jetzt wäre es langsam genug, erwacht eine halbe Armee von Leuchtstoffröhren zum Leben, die in langen Reihen von der Decke herab hängen. Zusammen mit einem sehr verwirrenden Haufen Gestänge und Leitungen, deren genauere Zwecke mir verborgen bleiben.
Das warme, sanfte, aber intensive und sehr helle Licht fällt, rein geometrisch nicht absolut exakt zu deren Anordnung passend, auf mehrere Reihen breiter Arbeitstische mit schmalen, eckigen Beinen und Ablageflächen nur knapp über dem Boden, die entlang der Wände und quer im Raum verteilt vor mir stehen. Dazwischen hocken wie riesige Buddhas ein paar wuchtig aussehende, schwarz lackierte Maschinen mit silbernen Stellrädern und dicken Walzen aus Gummi, deren Funktionen mir auf den ersten Blick unerfindlich sind, außer natürlich, daß sie mich ganz gewaltig beeindrucken.
„Wow,“ staune ich und schaue Ansgar unwillkürlich begeistert an, „Du lebst in einer Werkstatt?“ Er lacht auf und sieht fast ein wenig stolz aus, als hätte er tatsächlich mit diesem Raum Eindruck auf mich machen wollen und freue sich nun wie ein Kind darüber, daß es ihm gelungen ist.
„Ich mag das Lebendige,“ gibt er mir unerwartet zurückhaltend Auskunft. Ich kriege große Augen, mit denen ich ihn jetzt sehr anders betrachte.
Daß sich in dem prantzenden, stolzen Verführer ein Mensch verstecken könnte, der ausgerechnet an einer Werkstatt Freude empfinden kann, wirkt auf mich beinahe umwerfender als seine ganze Kunstfertigkeit im Küssen und Streicheln. Allerdings nicht in der eigentlich jetzt angesagten Richtung. Fast augenblicklich spüre ich, wie meine so rücksichtslos sein wollende Geilheit verblasst und einer zwar auch prickelnden, aber doch viel umfassenderen Neugier Platz macht.
Ich muß gut auf mich aufpassen, ermahne ich mich, denn heute Abend scheine ich es mit erheblich komplizierteren Menschen zu tun zu haben, als ich es mir einbilden möchte. Dabei könnte ich leicht meinen Verstand verlieren, der viel lieber mit einfachen Murmeln spielt, wenn mein Schoß die Regie über mich an sich gerissen hat.
Ich löse also meine Gedanken erst einmal von Ansgar und wandere bewußt sehr langsam im Saal umher. Das Gehen beruhigt mich, rein oberflächlich gesehen. Das Feuer in meinem Schoß kann es natürlich nicht gänzlich löschen, aber das ist ja auch nicht der eigentliche Zweck der Übung.
Auf manchen Tischen erkenne ich auf großen, festen Papierbögen Skizzen und Zeichnungen, dazwischen liegen komplizierte Gestelle aus Holz oder Metall, auf anderen wiederum verschiedene Stoffe und Kleidungsstücke, und überall sind mir größtenteils unbekannte Werkzeuge sehr ordentlich und penibel in zu ihnen passenden Halterungen verstaut. Nichts liegt chaotisch herum, alles macht im Gegenteil den Eindruck von emsiger Geschäftigkeit und klug vorausschauender Planung, und dazu herrscht eine Sauberkeit und Sorgfalt, die mir imponiert. Ich mag keine Unordnung, weder in wirklichen Sachen noch in frei schweifenden Gedanken. Hier wirkt alles haargenau so aufgeräumt, wie ich es liebe.
An einer Wand stehen drei dickwandige Sessel mit gelblichen Bezügen, zum Teil noch nicht fertig aufgepolstert, und neben ihnen steckt ein altertümliches Hochrad, wie sie auf den ersten Daguerrotypien zu bewundern sind, in einer filigranen Vorrichtung aus aneinander geschweißten Vierkantrohren, die es am Umfallen hindert und das Rad frei zu drehen erlaubt. Gleich daneben lehnen bunt bemalte Holztafeln an der Wand, wie die Kulissen eines kleinen Theaters, und in einer Ecke stehen mit rot-weißem Seil aneinander gebunden drei nackte Schaufensterpuppen und hoffen stumm auf bessere Tage.
Unter einem der Fenster, durch das ich auf den Hof herunter schaue, um mich im Gebäude besser zu orientieren, stapeln sich ein paar bauchige, dunkelblaue Stoffballen, deren intensiver Geruch mir fast den Atem nimmt, und einer Ansammlung langhalsiger Flaschen in mit schwarzer Kreide beschrifteten Holzkisten, nur ein paar Schritte weiter weg, entströmt etwas Gefährliches, in dessen Gegenwart ich lieber keine offene Flamme anzünden würde.
Der Boden ist mit quadratischen, grauen Kunststoffplatten belegt, die an den Kanten mancherorts schon abgetreten sind, aber nicht so aussehen, als gehörten sie von Beginn an zur Ausstattung des Raumes. Nur ein paar sich um jede Ecke herum windende Gas- und Heizungsrohre und die dazugehörigen Heizkörper, in die ich fast hinein kriechen könnte, so mächtig sind ihre Rippen, scheinen noch original zu sein. Die vielen elektrischen Leitungen sind sauber parallel in langen Bahnen verlegt und sicherlich erst nachträglich hinzu gekommen. Ebenso wie die Tische und Regale sowie eine Reihe von schmalen, grünen Stahlspinden, in deren Nähe es entfernt nach Schweiß riecht.
Im Rest des Saales duftet es jedoch eher angenehm nach Leim und Öl und einem dutzend weiteren Werkstoffen, die ich sehr gerne identifizieren würde, es leider jedoch nicht kann. Auch nach Staub muffelt es an einigen Stellen, das stört mich aber nicht. Hinter allem schwebt, wie ich erst nach und nach heraus finde, fast majestätisch fein, weil nur mit Anstrengung und auch dann nur so eben noch wahrnehmbar, ein beißender Nachgeschmack. Ich tippe auf Metallabrieb oder die Ausdünstungen von Kupferspulen, wie sie permanent unter Strom stehende Transformatoren absondern, es könnten aber auch die Wicklungen von heiß gelaufenen Dynamos sein.
„Was arbeitet Ihr hier?“ frage ich Ansgar, der unter der Tür stehen geblieben ist und still beobachtet hat, wie ich mir gemächlich sein Reich erschlossen habe.
„Alles mögliche,“ gibt er ausweichend Auskunft. „Daß Ihr keine gestohlenen Wagen für die Russenmafia umspritzt, sehe ich selbst,“ bestehe ich zornig auf der Ernsthaftigkeit meiner Frage. Er kichert eine Weile in sich hinein und gibt mir dann die gewünschte Auskunft.
„Wir stellen Modelle her, Dekorationen, Ladeneinrichtungen und auch Stände für Messen.“ - “Modelle?“ echoe ich. Er nickt, ganz offensichtlich von meinem Interesse angetan.
„Viele neue Produkte werden zuerst nur als Holzmodelle gebaut, bevor sie in Vorserie gehen. Das ist billiger und geht schneller,“ erklärt er mir. „Und das da?“ Ich hebe ein dunkelblaues Kleid an, das wie ein am Strand zum Trocknen ausgebreitetes Fischernetz auf einem der Tische liegt. „Schneidert Ihr auch?“
Er kommt herüber und berührt vorsichtig den Stoff des Kleides, als wäre dieser sehr kostbar. Das ist er nicht, es ist ein grob gewebter und nicht einmal glatter Stoff, der aus der Nähe betrachtet eine Menge Fehler und sogar unterschiedlich dicht gefärbte Stellen aufweist. Den Farbton jedoch mag ich, auch den Schnitt und das Muster, vor allem die bunten Stickereien rund um den kastenförmigen Ausschnitt herum und unten am Saum.
„Das da ist ein Kostüm für ein Ritterspektakel,“ erklärt er mir. „Entwirfst Du solche Kleider?“ Er schüttelt den Kopf und streicht sanft mit den Fingerspitzen über den Stoff.
„Ich nicht, aber Aysun macht das,“ murmelt er so leise, als verberge sich hinter diesem Namen ein schreckliches Geheimnis.
Seine so unerwartet aufgetauchte Nachdenklichkeit überrascht mich und gefällt mir, obwohl sie sich schwer wie eine Gewitterwolke über die anderen Gefühle schiebt. Einen Fremden das erste Mal in seine Wohnung zu begleiten, birgt stets eine Menge Risiken, außer denen, die damit zusammen hängen, ihn womöglich nicht im Zaum halten zu können, falls es das irgendwann bräuchte. Eines der für mich unangenehmsten ist, daß ich ungewohnte Umgebungen selten gut ertragen kann. Nicht allein wegen Unterschieden bezüglich Hygiene. Mich beeinflußen eine andere Ästhetik und Ordnung sehr leicht. Das kann, wenn ich Pech habe, meine Laune und mein Wohlbefinden ganz erheblich beeinträchtigen.
Heimlich habe ich so etwas von Ansgars Wohnung befürchtet und komme mir nun eigenartig schuldig vor, weil ich nicht recht weiß, ob ich enttäuscht oder froh darüber sein soll, daß er und die Werkstatt, in der er lebt, nicht das zu sein scheinen, was ich erwartet habe.
Das ist immer das Problem mit diesen Jungen, tröste ich mich. Sie geben mit allem Möglichen an, das dich in der Regel eher langweilt, zumal du ihnen das um Himmels Willen nicht zeigen darfst, und dabei sind es oft die seltsameren ihrer Spielsachen, die ihnen in Wirklichkeit sehr am Herzen liegen und dich viel mehr beeindrucken könnten, würden sie bloß freier damit umgehen können.
„Verdient Ihr überhaupt genug mit euren Modellen, um das alles hier bezahlen zu können?“ will ich wissen und muß über meine übertrieben buchhalterisch und engstirnig klingende Neugierde kichern. Ansgar scheint dieses Interesse jedoch zu gefallen. Er schaut lange im Raum umher und dann mich an.
„Nö,“ macht er und setzt ein listiges Lächeln auf, „aber mein Alter hat genug Knete.“ Wir lachen zusammen. Vielleicht ist es das erste Mal an diesem Abend, daß wir das richtig ungezwungen tun.
„Dann gehört diese Werkstatt deinem Vater?“ Er nickt. „Auch das Atelier im Erdgeschoss,“ fährt er ungefragt fort, „diese Werkstatt ist eine Art Spielerei von ihm.“
Ich gucke ihn an, um herauszufinden, was er darüber denkt. Jetzt bin ich fast mehr auf diesen anderen Ansgar neugierig als auf die Lippen und den Körper, die mich hierher gelockt haben. Entgehen werden die mir nicht, sage ich mir, warum also nicht sich vorher mit dem beschäftigen, was er vielleicht nicht jeder Besucherin so offen zeigen dürfte wie mir. Obwohl das nur eine Vermutung ist, es kann ebenso gut sein, daß er alle paar Tage für ein naives junges Ding hier eine Show abzieht und ich mich gerade prima als dumme Gans dort einreihe.
„Wie ist das, mit seinem Vater zusammen zu arbeiten?“ frage ich trotzdem. Das ist ein Gedanke, der mir so fremd erscheint, daß ich nicht genau sagen kann, ob er mich nun fasziniert oder abstößt. Er reibt die besagten Lippen aufeinander, was meinen Schoß sofort wieder anfeuert, aber ich habe mich inzwischen recht gut im Griff und gucke nur abwartend zu.
„Konfliktreich,“ antwortet er ausweichend. Schaut rasch zur Tür hin und sieht dabei traurig aus.
Am liebsten würde ich ihn umarmen und mich dann an seiner Brust langsam zu seinem Gesicht hinauf arbeiten, um alle Düsterkeit daraus zu vertreiben und wieder mit ihm zu lachen. Das wäre falsch, sage ich mir streng. Solche Gefühle sind schön und gut, aber auch sehr problematisch.
„Und wenn Du etwas ganz allein für dich, ohne deinen Vater, machen würdest?“ Die Frage kommt mir bekannt vor. Das Thema hatte ich heute bereits einmal, unter ähnlichen Umständen, aus ähnlichen Gründen sogar.
„So krass sind die Konflikte nun auch wieder nicht,“ wiegelt Ansgar mit einem Augenzwinkern ab. Was ich ihm nicht ganz abkaufe. Aber ich spüre, daß er an dieser Stelle mauern würde, bohrte ich jetzt weiter nach.
„Was hast Du eigentlich gelernt?“ weiche ich auf ein anderes, unverfängliches Thema aus. „Modellbauer.“ - „Kenne ich gar nicht. Was ist das für ein Beruf?“ Er lächelt nachsichtig und von meiner Ausfragerei geschmeichelt.
„Eine Mischung aus Tischler und Metallbauer und technischem Zeichner und Laufbursche, und Buchhalter und natürlich Hungerkünstler.“ Ein leiser Stolz schwingt hinter den Relativierungen seiner Auskunft mit.
„Das muß Spaß machen,“ vermute ich. Gebe mich naiv, das gefällt ihm, so wie mir, daß es ihm gefällt.
Er lacht deswegen und legt mir eine Hand auf meine Schulter. „Wo Du von Spaß sprichst,“ fängt er an, zieht mich zu sich und probiert weitere Varianten seiner Kußtechnik an mir aus. Anfangs paßt mir das gar nicht, weil ich mehr hören möchte von ihm und seinem Leben hier. Aber er ist völlig unbeirrbar, und schließlich gebe ich nach und spüre, daß es mich antörnt, ihm nachzugeben. Ich kann nur hoffen, daß ich daraus keine Gewohnheit machen werde.
Diesmal spielen wir fast auf Augenhöhe. Ich habe die Hände frei und helfe ihm dabei, unsere Körper so fest aneinander zu koppeln, als würde einer seiner gut riechenden Leime uns zusammen halten. Das fühlt sich sehr viel anders an als vorhin im Flur bei Frederike.
Vielleicht, weil ich daran denke, daß ich ihn gleich noch unendlich tiefer in mir spüren werde. Oder weil er mir jetzt hier in seiner Werkstatt wie ein gänzlich anderer Mensch vorkommt. Komplexer, schwerer, endloser und ruhiger und nicht nur mit der zwar hell strahlenden, aber schnell vergänglichen Anziehung eines flink vorüber flitzenden Asteroiden behaftet. Es dürfte ein großer Fehler sein, aber ich will auf einmal mehr von ihm haben als seinen Körper.
„Wer ist Aysun?“ rutscht mir in einer Atempause die Frage heraus, die mir auf der Zunge gelegen hat, sobald vorhin dieser Name gefallen war. Obwohl ich so viel anderes im Sinn habe, arbeitet mein Gedächtnis bestens und, wie üblich, absolut selektiv. Ihm damit eine Regung gezeigt zu haben, die ich vielleicht lieber für mich behalten hätte, ist ärgerlich, aber nicht mehr zu ändern.
„Ja,“ sagt er gelassen und bedeutsam, wie zu sich selbst, „wer ist Aysun? Das würde ich auch gerne wissen.“ Ich lecke mir über die Lippen, atme tief ein und rate drauf los. Im Raten, was solche diffizilen Fragen angeht, bin ich gut, sehr gut. Manchmal sogar viel zu gut.
„Aha,“ mache ich superschlau, „Du bist in sie verliebt und sie nicht in Dich!“ Seine Pupillen zucken und sein Griff nach meinen Haaren wird grob.
Für einen Moment befürchte ich, eine riesige Dummheit begangen zu haben. Meine vorlaute Frage hat noch einen anderen Menschen auf den Plan gerufen, der sich nur nehmen und nichts von sich zeigen will und es für sehr männlich und richtig hält, wenn er dazu seine Stärke einsetzt. Dieser Junge zerrt mir nun den Kopf schmerzhaft weit in den Nacken und guckt streng und tadelnd zu mir herunter, wie um mir zu beweisen, was er alles mit mir machen kann.
Die Art, mit der er mich jetzt anfaßt, verwirrt mich, jagt mir Angst ein, aber sie erregt mich auch, und das nicht zu knapp. Es ist das erste Mal, daß er etwas mit mir macht, was nicht nur weich und fließend ist und was mir entfernt sogar weh tut. Nicht sehr, zum Glück. Vielleicht wirkt es nur deshalb so intensiv auf mich, weil ich nicht damit gerechnet habe. Für einen Moment verspüre ich eine echte Furcht und zugleich eine fast hemmungslose Gier nach mehr.
Dieser Raum ist von außen nicht leicht einzusehen, und ich wette, viel von dem, was hier drin passiert, dürfte draußen kaum zu hören sein. Der Weg hinaus zur Tür führt an ihm vorbei, aber zuvor müßte ich mich natürlich aus seinem Griff befreien, und bei diesem Spiel hätte ich ganz eindeutig die schlechteren Karten.
Bevor meine Gefühle in Panik umschlagen, entspannt er sich zu meiner nicht ganz ungeteilten Erleichterung wieder. Nur eine sich sehr viel härter und auch erheblich erwachsener sich anfühlende Entschlossenheit bleibt in seinen Griff nach mir, auch in die Haltung seines Körpers und im Blick seiner Augen. Ich finde, sie steht ihm nicht übel.
Plötzlich komme ich mir winzig vor, oder will es zumindest sein. Mir gefällt die Veränderung, die ich an ihm spüre, und ich will mich ihm nun gerne nachgiebig zeigen, dennoch bleibt etwas zurück von der Art, wie wir eben noch miteinander gesprochen haben. Auch er zögert. Nicht nur meine Empfindungen haben sich also ziemlich gewandelt, vermute ich.
Seine zuvor noch tadelnd weit in die Höhe gezogenen Augenbrauen sinken erst allmählich herab, und aus dem gerade noch beinahe bösen Funkeln seiner Augen wird ein lockendes Leuchten. So sieht er wirklich gut aus. Ist nicht mehr bloß der nette Junge mit den wunderschönen Augen und den tollen Muskeln und der jungenhaften Frechheit, der noch nicht von allzu vielen Übeln heimgesucht wurde, sondern jetzt kommt er mir vor wie jemand, der mir buchstäblich den Atem nehmen könnte.
Den halte ich vorsichtshalber ohnehin schon an, seit er mich hart an den Haaren gepackt hat, denn ich fürchte, daß ich meine Atemluft später gut gebrauchen kann. Er nickt träge und läßt seine Augen in aller Seelenruhe an mir herab und wieder hinauf huschen.
„Ja,“ gibt er zu, seine Stimme klingt flach, aber da ist nichts Flaches mehr in der Art, wie er mich hält und nicht mehr los läßt.
„Das ist so, Du hast völlig Recht. Du hast einen Blick dafür, was?“
Ich muß heftig zwinkern, so unverhofft offen ist diese Aussage. Er wartet meine Antwort jedoch gar nicht erst ab.
„Du bist gerne ganz direkt?“ Das kommt erneut scharf und fordernd heraus.
Gut, denke ich plötzlich erregt und unendlich zufrieden, sind wir also so weit. Ich schaue zu ihm auf, habe immer noch ein wenig Angst vor ihm, aber mehr vor mir selbst. Doch das zählt nicht, jetzt will ich nicht mehr zurück.
Ich mache eine kaum messbare Pause. „Ja,“ antworte ich ihm einfach. „Zieh Dich aus,“ er mir. Ohne Pause, aber mit durchschlagendem Erfolg.